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Spreewelle 149

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Spreewelle – Nr. 149

  |   2017, Kompilationen

Gibt so Monate, da tröpfelt es mehr als dass es regnet. Die übliche Recherchearbeit war im Oktober doch reichlich zäh. Das Indiepop-Feuerwerk der vergangenen Monate scheint Ladehemmungen zu haben. Ein Grund, warum der Sound auf der 149 – zumindest auf Seite 1 der Playlist – ein ziemlich anderer als gewohnt ist. Mehr dazu im Beipackzettel.

 

Achtung, Hip Hop!

Mit dem Hiphop ist das ja so eine Sache. In unserem Alter. Denn Hiphop ist noch viel mehr als jede andere musikalische Farbe Ausdruck der Jugendkultur. Und so ist der Hiphop, den man mit 30/40 hört, der Hiphop, den man vor 20-30 Jahren gehört hat. Dr. Dre, G-Funk, die Hamburger Szene… rauf und runter. Das klappt an runden Geburtstagen natürlich immer noch ganz famos, auch wenn die rhythmischen Zuckungen, die man zum Besten gibt, an Dynamik verloren haben. Und moderner Hiphop? Den beurteilt man nur noch rein analytisch. Bestes Beispiel ist Kendrick Lamar, dessen Werk einsame Spitze ist und dessen Platten in keine gut sortierten Sammlung fehlen sollte. Allerdings: Man nickt den Kopf im gehobenen Alter eher aus Anerkennung, statt enthemmt in der Gruppe. Eine traurige Bestandsaufnahme. Inspiriert von Karins DJ-Set jüngst im Mauersegler macht sich die Spreewelle daher diesen Monat auf, die raren Ausnahmen zu suchen. Aktuelle Tracks mit gesprochener Lyrik – Kopfnicker-Style.
 
 
 

Es hyperventiliert

Los geht es mit einem breitbeinigen Sound-Monster – und noch relativ wenig Sprechgesang. Der NME nennt Superorganism “The Avalanches for a new generation”. Das achtköpfige international aufgestellte Kollektiv durchbrach die Aufmerksamkeitsschwelle Anfang 2017 mit dem weirden “Something For Your M.I.N.D.” – ich konnte mich kaum entscheiden, ließ jetzt aber dann doch der zweiten großen Single “It’s All Good” den Vorzug, denn das Teil ist noch verschrobener und hyperventilierender als das Debut.
 

 
Der norwegische DJ und Produzent Jerry Folk (19!) baut auf den Sound-FX-Irrsinn des Openers auf und präsentiert mit “Rockstar” ein Brett, bei dem ungefähr klar sein dürfte, wohin die Reise im November hingehen könnte.
 

 
Eine Spur mehr Funk, aber immerhin schon mal das Wort “Motherfucker” gibt es anschließend bei French Horn Rebellions – ja, man sagt wohl – “Banger” namens “Catalina Dice”
 

 
Womit wir dann langsam beim Hiphop sind – zunächst noch mit Soul gepaart. Aus Sydney kommen Winston Surfshirt. Lustiger Name und ziemlich intelligente Songs. Einer der partytauglichsten hat es sogar schon in die ein oder andere Heavy Rotation einschlägiger Radiosender gebracht.
 

 
Tja – und dann versuchen wir es mal mit deutschsprachigem Hiphop. Erstmal ganz behutsam mit den Fünf Sternen. Deren erste Platte seit gefühlt 30 Jahren war leider eine ganz schöne Enttäuschung. Textlich war alles, was von Das Bo & Co. kam eh nie wirklich erwähnenswert. “Deine Mudda”, “Willst Du Mit Mir Gehn?”, “Die Leude” überzeugten hauptsächlich dank einer Hauptzutat: Spaß! Das klappt leider in 2017 nicht mehr so richtig. Und trotzdem funktioniert “Afrokalle” ganz gut. Das liegt zum Gutteil aber am Gitarrenriff – und definitiv nicht an irgendetwas anderem – wie z.B. dem “Humor”.
 

 
Deutlich lässiger und gleichzeitig präziser im Umgang mit Humor verhält es sich bei Deichkind. Eine höchst bemerkenswerte Kollaboration ist “L Auf Der Stirn”. Dort singt tatsächlich Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks auf Deutsch den Refrain. Die Nummer dreht sich um das uns allen sehr bekannte Problem der Prokrastination und hat – trotz der niedrigen BMPs erstaunliches Ohrwurmpotential.
 

 
Höhepunkt der kleinen Hiphop-Initiative ist Macklemore. Mit “Thrift Shop” konnte sich der Rapper aus Seattle bereits einmal auf der Spreewelle verewigen. “Can’t Hold Us” kam sogar schon ein Jahr vor der Veröffentlichung des Debuts “The Heist” raus und ging bislang komplett an mir vorbei. Dabei ist der Track als “Joker” zu bezeichnen: Er funktioniert IMMER, FÜR JEDEN und ZU ALLEN ANLÄSSEN. Voraussetzung: Alkohol. Denn wenn man mal genauer hinhört, bewegen wir uns musikalisch da ganz schön nah an der Bahnsteigkante. Anlässlich der 149 habe ich noch einmal intensiv nach vergleichbaren Tracks gesucht: Hiphop, bislang unbekannt und Partybiest. Nichts. Da gibt es nichts. Jeder Song im weiteren Umkreis von “Can’t Hold Us Down” bedeutet die völlige Aufgabe des guten Geschmacks.
 

 
Gar nicht so leicht nach diesem Ding die Kurve zu kriegen. Klappt aber mit “Aventura” von Mavi Phoenix, die zu meinem Erstaunen aus Österreich kommt.
 

 
Apropops Ösiland. Auch von dort kommt Granada und legt den rockigen Teppich zum Ausklang der ersten Seite.
 

 

Der Track des Monats

Und wieder viel zu wenig über die Seite Zwei gesprochen. Zu erwähnen bleibt, dass die 20 wirklich gar nichts mit Hiphop zu tun haben und mit neuem Material von MGMT, Oh Wonder, Stars und Tennis etwas für die Markenhygiene der Spreewelle tut. Und unbedingt möchte ich noch mit dem Finger auf Tellef Raabe weisen. Dessen “Dear Aphrodite” ist bei aller Disco-Freude mein Song des Monats.
 

 
 
Covergestaltung: Spreewelle
Coverlocation: Berlin, Fischerinsel
 
 

Seite 1

  • Burt Bacharach Saturday Sunshine (Intro)
  • Superorganism Its All Good
  • Jerry Folk Rockstar
  • French Horn Rebellion & Bees Knees Catalina Dice ft. Boulevards
  • Beck Up All Night
  • Champyons Living in the Movies
  • Winston Surfshirt Same Same
  • Fünf Sterne Deluxe Afrokalle
  • Macklemore & Ryan Lewis Can’t Hold Us (feat. Ray Dalton)
  • Mavi Phoenix Aventura
  • Beatsteaks L auf der Stirn (feat. Deichkind)
  • SOFI TUKKER Awoo feat. Betta Lemme
  • Tensnake Hello?
  • Shy Luv Like a River ft. Bakar
  • Bruno Mars Runaway Baby
  • Granada Palmen Am Balkon
  • Wild Ones Paresthesia
  • Stars Fluorescent Light
  • Morrissey Spent the Day in Bed
  • Jamie xx Gosh

Seite 2

  • Tellef Raabe Dear Aphrodite
  • Kadie Elder First Time He Kissed a Boy
  • MGMT Little Dark Age
  • Elderbrook Talking
  • J. Bernardt Wicked Streets (Henrik Schwarz Remix)
  • Seasons Pale Grey
  • Scotch Mist Headspace
  • Coldplay Careful Where You Stand
  • Real Estate After the Moon
  • Gisbert zu Knyphausen Das Licht dieser Welt
  • Nick Mulvey We Are Never Apart
  • Jordan Mackampa Give Into The Dark
  • BROADHURST Little Lover
  • Billie Eilish I Don’t Wanna Be You Anymore
  • Oh Wonder Ultralife (Abbey Road Piano Sessions)
  • Alexander Wolfe Till Your Ship Comes In
  • Joan As Police Woman Warning Bell
  • Tennis I Miss That Feeling
  • Stars Losing To You
  • Baxter Dury Prince Of Tears