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Spreewelle 149

Spreewelle – Nr. 151

  |   2018, Kompilationen

Ein dunkler langer Januar ohne Spreewelle. Es ging nicht anders: Es musste eine kleine Schaffenspause her. Der erste Monat ohne – seit 2005. Aber das ist nun vorbei. In diesen sonderbaren Zeiten des Verfalls und der Richtungslosigkeit setzt die erste Spreewelle nach dem 150. Jubiläum voll auf Konstanz. Kein Formatwechsel, keine Mottoalbum – sondern das Beste, was man zu dieser Jahreszeit so ernten kann. Rausgekommen ist eine wenig diverse, sehr gradlinige und runde Kompilation. Statt Sand gibt es Erde.

 

Man spricht deutsch

Die Adjektive zur Beschreibung der ersten Seite klingen nach gehobener Spitzenküche: Saisonal und regional. Denn ohne es direkt fokussiert zu haben, klingen auf Playlist 1 lauter deutsche Worte durch die Gegend. Fest gesetzt als Opener war schon im Januar – obwohl ich da ja eigentlich spreewellenfrei hatte – Tocotronics herrliches „Alles was ich immer wollte war alles“. Kannste halten vom Dirk was Du willst: Die Texte auf „Die Unendlichkeit“ sind wie gewohnt grandios. Und die ersten Zeilen dieses Hits passen einfach perfekt zum Spreewelle-Neuanfang in 2018:

„Was ich geschrieben habe wird jetzt ausradiert,
als hätte es niemals wirklcih existiert,
ein wildes Gebiet Papier und Graphit
und Vinyl – auf den Müll damit“

 

 
 
Das zum zweiten Mal vertretende Jenaer Projekt Paradies übt sich ebenso an hübschen Bildern. In „Discoscooter“ ist das ganze Leben ein großer Rummel. Melancholischer, perfekt inszenierter Midtempo-Deutschindiepop. Die Single gibt’s seit zwei Wochen, live zu erleben ist Florian Sievers als Anheizer für Kettcars Liveshows in 2018.
 

 
Nochmal Deutschland, diesmal Punk. Im letzten Jahr veröffentlichte die Trierer Band Love A ihr bereits viertes Album. Meine Lieblingsrezensenten von Plattentests.de gaben „Nichts Ist Neu“ seltene 9 von 10 Punkten und nannten sie wichtiger als Kettcars „Ich vs. Wir“. Wichtig ist eigentlich eine ziemlich unsinnige Bewertungskategorie. Richtig ist die bessere. Die totale Begeisterung stellte sich bei mir zwar nicht ein, denn ähnlich wie bei Kettcar muss man mit dem Timbre des Leadsängers umgehen können. Abgeholt hat mich Love A trotzdem. Mit dem schon 2015 veröffentlichten Stück „100.000 Stühle leer“. Da ahnt man den Punk noch, aber allen voran ist das einfach ein sehr mitreißender, dringlicher, trauriger Song.
 

 

Von wegen Norwegen

Glaubt es mir – die Playlist-Reihenfolge wird ausschließlich nach musikalischen Gesichtspunkten festgelegt. Der Beat, die Gitarren, die Stimmung: All das muss ineinandergreifen, um dem Mixtapegedanken treu zu bleiben und einen immer stiller werdenden Protest gegen die Spotify-Shuffle-Politik aufrecht zu erhalten. Zuletzt auf jeden Fall verläuft die Startplatzvergabe nach Nationalität. Trotzdem entstehen manchmal geographische Klumpen, so wie beim nächsten sortenreinen Miniblock, der nämlich aus Norwegen kommt. Telleff Rabe (der den Dezember-Post der Spreewelle geliket hat, yeah!) hat ein über die gesamte Strecke überraschend gut gelauntes Debut vorgelegt. Daraus hören wir „Next To You“. Eigentlich ein harmloses Liebeslied. Aber Telleffs tiefe Stimme und die wohl eingesetzten kühlen 80er-Pop-Referenzen geben dem Song interessante, düstere Nuancen.
 

 
Und direkt im Anschluss: Die megaliebenswerten Kakkmaddafakka aus „Bergen Town“. Auf ihrem mittlerweile fünften Studioalbum gelingt ihnen ihr bislang größter Hit. „Neighbourhood“ ist so beiläufig großartig, dass man ihn auf Dauerrepeat hören muss. Dabei passiert überhaupt nichts wahnsinniges Spannendes. Axel Vindenes beschwert sich nur gelangweilt, dass in seiner Fucking Hometown Bergen nichts wahnsinniges Spannendes passiert. Das aber eben mit einer beneidenswerten Lässigkeit und treffsicheren Hook.
 

 

Zu den Gitarren!

Es folgte ungefähr ein halbes Dutzend ziemlich spritziger Indiepop-Beiträge, die selten innovativ klingen aber für den Spreewelle Neuanfang irgendwie genau die richtigen Knöpfe drücken. Zum Beispiel The Kents „Caroline“ – hätte locker auch schon 2005 veröffentlicht werden können. Oder die Supersingle „Pretty Pure“ von Whenyoung, die gerade zurecht einen mittlergroßen Hype erleben, auch wenn da hohes Verwechslungspotential zu The Sounds besteht.
 

 
Mit den Wombats schließt eine weitere Größe längst vergangener Gitarren-Tage dieses Indiepop-Intermezzo ab. So putzig wie ihre Namensgeber wollen die Engländer in 2018 wohl nicht mehr sein. Die neue Single „Cheetah Tongue“ jedenfalls schlägt einen etwas herberen Ton und vor allem griffigeren Beat an als Zuletztgehörtes.
 

 

Man spricht Deutsch #2

Vom guten Feedback zur Hiphop-Welle beflügelt, haben wir auch was aus dieser Ecke im Angebot – teilweise auch aus Deutschland. YUKNO zum Beispiel. Die haben vor 14 Tagen ihr zweites Album mit Namen „Ich kenne kein Weekend“ rausgebracht und machen laut Promotext ein bißchen auf Antithese zum deutschen Wohlfühlpop. Gelingt ganz gut mit dieser Coming-of-Age-Nummer.
 

 
Aber das ist nur die Vorhut für den größten deutschsprachigen Hiphop-Knaller dieser Tage. Der kommt von Fatoni feat. Mine und heißt „Romcom“. Was für ein Flow! Was für ein Text! Was für ein Hit!
 

 

Und sonst so?

Recht altes von SOHN aus dem Jahr 2002, mittelaltes von Radiohead (deren „True Love Waits“ aus dem letzten Jahr der Soundtrack für ganz besondere trübe Tage im Januar war – und die es bei Youtube nur in der ollen Band-Version gibt, daher folgendes Piano-Cover) und brandneues von Lykke Li, Kendrick Lamar, Joan As Police Woman, S. Carey… Kleine Warnung: Auf Seite 2 gibt es gute Musik, aber wenig gute Laune. Die sammle ich aber jetzt bereits für die 152. Ausgabe, die – das ist garantiert – wieder fristgerecht erscheinen wird. Wir hams bald geschafft!
 

 
 
Coverfoto: „Early Bird“ by Spreewelle
Coverlocation: Berlin, Tegel
 
 

Seite 1

  • Tocotronic Alles was ich immer wollte war alles
  • Das Paradies Discoscooter
  • LOVE A 100.000 Stühle leer
  • Tellef Raabe Next to You
  • Kakkmaddafakka Neighbourhood
  • The Kents Caroline (I Can’t Explain)
  • whenyoung Pretty Pure
  • Human Resources Sylvia
  • The Wombats Cheetah Tongue
  • YUKNO Prinzip
  • Mine & Fatoni Romcom
  • The Weeknd Kendrick Lamar Pray For Me
  • Raz Ohara Reality
  • Lykke Li Time In A Bottle
  • Peach Pit Drop The Guillotine
  • Palace Break The Silence
  • Catastrophe & Cure On the Internet
  • Me Not You Kill the Noise
  • Sevdaliza Soul Syncable
  • Gizmo Varillas Losing You

Seite 2

  • Sohn Red Lines (Original Mix)
  • Until The Ribbon Breaks One Match
  • Haelos Dust
  • Monolink Sirens
  • Henry Green Another Light
  • Me Not You Eventually
  • Woodlock Forever Ago
  • Radiohead True Love Waits
  • Son Lux Slowly
  • Joan As Police Woman Tell Me
  • Barbarossa Dont Enter Fear
  • Sébastien Tellier Lamour Naissant
  • Marika Hackman Cigarette
  • A Tale Of Golden Keys In The Far Distance
  • Glen Hansard Say It To Me
  • Charlie Straw All I Know
  • Tour Of Tours Let Me Live (feat. Jonas David)
  • JONAH Love Lost (live)
  • S. Carey Brassy Sun
  • Gundelach Duck Hunting