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Spreewelle 149

Spreewelle – Nr. 155: PINK LEMONADE

  |   2018, Kompilationen

Gerade hat sich die Redaktion noch auf die Schulter geklopft: Die 154. kam pünktlich heraus und bewies geradezu seherische Fähigkeit: Angetreten den vehementen „Supernatural Sommer 2018“ zu huldigen, will dieser einfach nicht aufhören und macht einfach immer weiter mit dieser wolkenlosen Hitze. Anderthalb Monate später hat sich daran nichts geändert. Nur den passenden Soundtrack wenigstens einigermaßen in Time bereitzustellen, gestaltete sich ungleich schwerer.

 

Sommerloch und Hörermeinungen

Und das liegt am Sommerloch, das sich musikalisch nun mal immer zur Festivalzeit auftut und daran, dass man ja unmöglich schon wieder ein Konzeptalbum um die hohen Temperaturen herum zimmern kann. Ein weiterer Grund, der es dieses Mal nicht leichter machte: Die vereinzelten aber deutlich wahrnehmbaren Rufe der Hörerschaft nach Rock. Nicht, dass die Mafo bei der Spreewelle den Geschmack definiert, aber blind auf den Feedback-Ohren darf man auch nicht sein. Und so hat’s halt mit der 155. Ausgabe ein paar Tage länger gedauert. Immerhin auf Seite 1 gibt es dann auch eine ziemlich reinrassige Indierock-Mischung. Die Korrektur kompiliert sich derweil fast schon von alleine. Pharell, Justin, die Gorillaz: Im August dürft Ihr Euch auf eine sehr popbetonte Spreewelle freuen. Bis dahin sprechen vorerst die Gitarren. Ihr braucht mehr Details? Bitteschön.
 
Wie eine Sirene der Sechziger klingt Matiel, die Künstlerin, die mit „Count Your Blessings“ den etwas in die Irre führenden Opener beisteuert. Der Track schreit geradezu danach, als instrumental von irgend einemm dahergelaufenen Upcoming Rap-Artist in den Loop genommen zu werden, was mit ihm auch passiert wäre, wenn er nicht fünfzig Jahre sondern gerade mal zwölf Monate alt ist.



 

Einmal zurücklehnen, bitte

Könnt Ihr Euch noch an „Fade Out Lines“ aus dem Jahr 2016 erinnern? Dieser One-Note-Indie-Fetzer hat seinerzeit weltweit für Furore gesorgt. Dahinter steckte der französische DJ The Avener, der mit der monotonen Gitarre und den hypnotischen Vocals von Phoebe Killdeer (bekannt von Nouvelle Vague) sich hoffentlich ordentlich die Taschen vollgemacht hat. Das neue Bandprojekt Them There konzentriert sich stärker aufs Songwriting und weniger auf die Beats. Mit dem überaus lässigen „Blaze“ gelingt jedenfalls ein weiterer Hit, der es in meine persönlichen Top-3 im Juli geschafft hat.
 

 
Ganz ähnlich unaufgeregt nimmt Clairo aus Boston den Faden auf. Die heute 19-Jährige ging vor zwei Jahren viral – wie man das heute eben so macht, wenn man was auf sich hält. Das herrlich verhunzte „Pretty Girl“ direkt aus dem Teenager-Schlafzimmer sammelte bis heute rund 4,5 Millionen Klicks auf Youtube. „4ever“ ist die zwangsläufige Weiterentwicklung. Immer noch straight Indiepop, aber glücklicherweise etwas ausgeschlafener.
 

 

Pink Lemonade im Hot Summer

Und dann werden die Gitarren gestimmt. Und zwar vom schönen Briten James Bay. „Hold Back The River“ war sein erster großer Hit und der ist mittlerweile auch schon vier Jahre alt. Ein schlüssiges Ding, keine Frage, aber für die Instrumentation und die Stimme auch ein bisschen zu zahm bzw. lahm. „Pink Lemonade“ vom neuen Album „Electric Light“ hat deutlich mehr Dampf und ist völlig zurecht Titelgeber der 155.
 

 
Lange Zeit im Rennen um die Benamung der aktuellen Kompilation war auch Gurr. Das deutsche Duo hat zweifelsfrei alles richtig gemacht und gerade jetzt „Hot Summer“ herausgebracht. Müffelt leicht nach Slacker-Pop und duftet im Refrain erfrischend nach The B-52’s, ist aber alles in allem ein sehr satter Rocksong, dem internationale Anerkennung nur zu wünschen ist.
 

 
Wie sich die letzten Takte des heißen Sommers von Gurr und die ersten Bassakkorde von The Vryll Society’s „Shadow Of A Wave“ die Hand geben: Ein Ohrenschmaus für den Spreewelle-Inreihenfolgehörer. Doch wer die Fortsetzung des entfesselten Rocksounds erwartet fühlt sich kühl geduscht. Das Liverpooler Quintett streut in das warme harmonische Soundbett leicht psychodelische Wiederhaken ein. Und auch mit der Dramaturgie will es nicht so. Und gerade darin liegt die Eleganz von „Shadow Of A Wave“.
 

 
So viel Neulinge bislang, da wird es Zeit für eine gute Viertelstunde Altbekanntes. Los geht’s mit Death Cab For Cutie, deren letzte zwei Alben irgendwie unentschlossen waren. Ein bißchen so, als ob sich Ben Gibbard freischwimmen wollte vom nicht unberechtigten Vorwurf, ein nerdiger Schmusebarde zu sein. Die neue Single hat ebenfalls nichts gemein mit den Kuschelrock-Songs früherer Tage, verfällt aber zum Glück auch nicht in verkopfter Beliebigkeit. Im Gegenteil: Das hypnotische „Gold Rush“ weiß, was es will und ist womöglich der Auftakt zu einem richtig guten neuen DCFC-Album.
 

 
Neues Material gibt es auch von den Wombats und The Kooks. Es sei mir verziehen, dass ich unter diese Melange altbekannter Interpreten mit neuen Schläuchen einfach mal einen Maximo Park-Song geschmuggelt habe. Das ist ja oft so wie mit gutem Wein, der seine Zeit braucht, um zu reifen: So auch „Drinking Martinis“ vom 2012er National Health.
 

 

Einatmen, ausatmen: Seite 2

Ähnlich wie bei der ersten Seite hat auch die Zusammenstellung der ruhigeren 20 Tracks in diesem Monat etwas länger gebraucht. Erst vor ein paar Tagen, als James Blake ziemlich überraschend einen neuen Track veröffentlichte, schlossen sich einige akustisch-kausale Ketten. Als Opener dient „Unfold“ von Ólafur Arnalds, der hier interessanterweise mit SOHN kollaboriert. Ein Stück musikalische Schönheit, anders kann man es nicht sagen. Und deshalb erwähne ich auch nicht, an welchen Deutschkotz-Hit mich die wippenden Geigen zur Songeröffnung erinnert haben. Ein Hoch auf die Unvoreingenommenheit.
 

 
Einatmen, ausatmen. „Birthplace“ von Novo Amor übernimmt die andächtige Stimmung. Gedankenverloren stehen da Klavierakkorde in der Gegend herum, verbunden und wieder befreit durch die luftigen Vocals von Ali John Meredith-Lacey.
 

 
Dann der erwähnte James Blake. Wie üblich gibt es auch in „Don’t Miss It“ zauberhafte, harmonische Klänge (dieses Mal in Gestalt eines verstimmten Klaviers) und wie üblich auch soundtechnische Störungen, die die neue Single des Briten sicher über den Schmalz retten.
 

 
Nach einem weiteren Beitrag aus dem Segment „Spheric & cinematic“ von Phoria wendet sich die Seite 2 dann mit etwas mehr Schwung den wichtigsten Balladen der Saison zu. Sie kommen von Father John Misty, Maggie Rogers und nicht zuletzt Florence + The Machine. Deren etwas zähes neues Album ist nichts für die beschwingte Sommerfahrt ins Grüne. Es sind andere Momente, in denen z.B. „The End Of Love“ ziemlich direkt den Weg ins Herz findet.
 

 
 
Coverfoto: Spreewelle
 
 
 

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