Dunkel. Kraftvoll. Ziemlich deutsch und mit einem Hang zur Melancholie. So lässt sich die 162. Zusammenstellung aktuell akuter Indiepopmusik zusammenfassen. Und das im Frühling.

 

Der beste Reim

Manchmal kompiliert sich so eine Compilation wie von selbst, wenn es einen so starken Impuls gibt wie “Westkreuz”. Die Vorab-Single aus Von Wegen Lisbeths am Freitag erschienenen zweiten Album hämmert sich mit seiner trockenen Hihat und den glänzenden Synthie-Einsprengseln schon nach vier Takten ins Dringlichkeitsolymp. Und da hat Matthias Rohde noch nicht mal ein Wort gesagt. Die Berliner spielen in dem namensgebenen Titeltrack all ihre Trümpfe aus: Das glaubwürdige Jugendliche, den Charme des Unfertigen und diese wunderbar direkte Wort-Wörtlichkeit. Selten eine so treffsichere Zeile gehört wie im Refrain:

 

Und der Fahrstuhl am Westkreuz
riecht noch immer nach Pisse.
Und du weißt nicht wie doll
ich dich vermisse.

 

 

Der blödeste Songtitel

Von Berlin nach Hamburg in unserem deutschen Eröffnungstrio. Fotos fühlen sich schon doppelt so alt an wie Von Wegen Lisbeth. Sie bringen es auch schon auf beachtliche vier Studioalben.  So richtig funkte es aber nie zwischen mir und dem Quartett. Die früheren Songs klangen ein bißchen zu berechnend nach dem Klappentext  “die deutsche Version von…”. 2018 veröffentlichten Fotos dann den zweiten Track der 162. Spreewelle – und der klingt sehr eigen und deshalb sehr gut. Leider ist der Name der Nummer auch ein Beispiel dafür, warum es ernstzunehmende deutsche Popmusik so schwer hat – mit sich selbst und mit der deutschen Sprache. Oder würden Sie einen wirklich guten Popsong hinter dem Namen “Auf Leisen Pfoten” erwarten?

 

 


Der dümmste Bandname

In Rheinland-Pfalz war sich dieser Tatsache eine andere Band bewusst – und hat es deshalb in den Anfangsjahren als Schulband mit Englisch probiert. Dann allerdings die 180°-Wende. Die Band heißt jetzt Das Modep und gesungen wird deutsch. Und zwar mit Wonne. Gleich auf beiden Seiten der Mai-Compilation trägt das Moped Songs aus ihrer ersten EP vor. In beiden geht es um unerwiderte Liebe – scheinbar einem echten Trendthema der Popmusik (hab mal recherchiert). Während “Geist” das Thema locker-entspannt aus einer Stalker-Perspektive beleuchtet, sind bei “Wenn Du ehrlich bist” offensichtlich ernsthaft Gefühle gekränkt. Auch wenn wir uns damit gefährlich in der Nähe einer musikalisch und lyrischen Auferstehung von “Echt” befinden – scheiß drauf. Das ist einfach ein geiler Song. Wette: Das wird ihr größter Hit.

 

 

Auch wenn die 5 Picks hier etwas anderes erahnen lassen: Auch für schwingende Beine, wippende Köpfe und aufgeklärte Ohren ist gesorgt auf der 162. Mit einem “College Pop”-4er Pack auf Seite 1, der Pop-Pflichterfüllung durch Mark Ronson, Dominic Fike und Seed (ja, Seed). Und mit zwei Top-Vocals auf Seite 2. Zum einen: Ten Fé mit einer sehr empfehlenswerten Coverversion von TLCs “Waterfalls”. Und zum anderen: Lukas Riel, dessen Künstlername Lou Asril passender klingt, wenn es um den Slow-Soul-Sex-Song “Divine Goldmine” geht.

 


Die gesamte Tracklist der Seiten 1 und 2 wie immer unten und direkt auf Spotify.
 
Coverartwork: Spreewelle
Cover Location: Westkreuz (in my mind)
 

 
 

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