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Es ist soweit. Nach „A Certain Trigger“ und „Earthly Pleasures“ erscheint dieser Tage das lang erwartete echte dritte Studioalbum von Maximo Park. Offiziell kann man zu diesem Zeitpunkt bereits „Wraithlike“ und „The Kids Are Sick Again“ als Probierware von hochoffizieller Bandseite konsumieren. Doch es hat immerhin bis zum heutigen Tag gedauert bis „Quicken The Heart“ als Stream im Internet verfügbar ist. Am 11. Mai dann haben wir alle einen Auftrag: Nämlich das Album kaufen. Warum es sich hierbei weniger um einen Aufruf, sondern viel mehr um einen Befehl handelt, erklärt diese Rezession.

Das dritte Album. Es gilt landauf, landab ja als das Schwierigste. MP haben schon früh erkannt, dass sie sich eines Tages mit dieser Tatsache konfrontiert sehen. Also legten sie nach „A Certain Trigger“ ein Halbalbum nach. „Missing Songs“ hieß das Ganze und macht es fortan schwer, die Stuioalben der Band aus Newcastle in eine zählbare Reihenfolge zu bringen.

Und doch: Die Erwartungen an den dritten Longplayer sind extrem hoch. Denn „Our Earthly Pleasures“ aus dem Jahr 2007 brachte das Kunststück fertig, noch in einer vergleichsweise frühen Bandphase mit einer gleichzeitig ruhigeren wie auch aufgeregteren Herangehensweise, „Kritiker und Fans“ zu begeistern. Da gab es das kapriolische „Our Velocity“ und das melancholische „Books From Boxes“ – und alle waren glücklich.

„Quicken The Heart“ beginnt mit einem gewollten Stolperer. Wraithlike komprimiert alle Aufgeregtheit des Debuts in Zweieinhalb Minuten und zeigt all jenen, die dem Album schon vorab Angepasstheit unterstellen wollen, einen Vogel.

    The final verse is often meant to tie things up
    But in this case my morals have been most corrupt
    I don’t remember it well
    I was in love for a spell

Tie things up? Von wegen. Nach der rüden Rhythmusattacke fühlt man sich erstmal ratlos. Wo soll das nur hinführen? Ist der einzige Ausweg aus dem Vorwurf des Erfolges die kryptisch-verkrüpelte Umgang mit Songstrukturen? (Es gilt zu berichten, dass „Wraithlike“ durchaus rocken kann, sobald man es näher kennen gelernt hat und sich mit ihm ein wenig beschäftigt).

Aber dann. Es gibt gerade Viertel. Spendiert von Track 2. The Penultimate Clunch
kommt geradlinig daher, die Gitarren klingen roh, der Bass ebenfalls. Strophe und Refrain besinnen sich im kompletten Kontrast zum Opener auf Simplizität. Das klingt ein wenig spröde, hat mit dem Refrain, der sich in gute Park-Manier ordentlich Zeit lässt, senen Höhepunkt, gehört aber all in all zu den schwächeren Momenten der Platte.

    Soon enough our lips will linger
    and You stop to pull away

Ohne großartig das Tempo zu wechseln geht es dann zur ersten Single. The Kids Are Sick Again ist das erste richtige Statement. Eine virbrierende, hervorragend ausgesteuerte Melange aus Bass, Synthies und Snear eröffnet diesen mal wieder höchst abwechslungsreichen und stimmungsvollen Song. Paul Smith hangelt sich traumwandlerisch mit mal wieder fesselnden Lyrics zum ersten Refrain. Ja. Ein Refrain reicht Maximo Park oft nicht. Einer der schönsten Momente des Albums bis hierher gibt es dann mit dieser Textzeile:

    I don’t mind loosing self-respect
    I’ve done it before, and I will do it again
    I stifle tonight which is fine
    I’ve done it before, and I will do it again

Erst nach Ablauf der zweiten Strophe, der zweiten Bridge und des zweiten Durchgangs des Refrains geht es dann in den wahrscheinlich echten Refrain. Hier bauen Maximo Park dann ganz linkisch wieder einmal einen 7/8tel – Takt ein, der die Stringenz des Songs genau im amgebrachten Maße durcheinander bringt bzw. wirbelt. „The Kids Are Sick Again“ gibt damit sehr gut den Gesamtcharakter des Albums wieder. Denn er beinhaltet den Bruch, die Abwechslung und diese tränendrückenden Melodien.

Speaking of which. Mit A cloud of mystery folgt der nächste emotional erdrückende magische musikalische Moment. Hoppla hopp und hulalu nölt da zunächst die Gitarre lustig durch die Zeilen. Bis zum Säufzer der Hookline, der sofort alles in andere Farben taucht. In dunkle, in traurige. Klar fallen einem da die Smiths ein. Aber trotzdem klingt das ganze so unique, das Vergleiche eigentlich völlig unangebracht sind. Das im Vorfeld gestreute Gerücht, dass auf dem neuen Album vehementer die Keyboards zum Einsatz kommen, trifft hier – wenigstens leicht – zu. (Anhören)

It’s about the ritual of going out and maintaining a mysterious aura, even though that’s a ridiculous concept. (Paul Smith über „A Cloud Of Mystery“)

    At night she strips
    away the face that she creates
    The mirror sighse
    Why can’t we always meet
    under a cloud of mystery

In diesem Moment hat es das Album geschafft. Wem das nicht reicht, der nimmt noch die ersten Takte von Calm mit. Sphärische Klänge, die versprochenen Synthies legen die Laken aus, auf denen sich in der Folge die Traurigkeit räkeln kann. Aber: Melancholie sucht auf „Quicken The Heart“ vergeblich seine Entsprechung in Geschwindikeit. Auch „Calm“ braust oberhalb der Ortsverkehrsrichtgeschwindigkeit über die Straßen. Es ist eine nicht zu unterschätzende Stärke, in ein solches Uptempo eine atmosphärische Ruhe hineinzulegen, die es so weit bringt, den Song eine Ballade nennen zu wollen.

    Taking long walks in perfect silence
    Join together in useless harmony
    Your hard breath means that you’re upset
    An overheated northwest bliss

Wo ist eigentlich die Party? Mal ehrlich. So richtig gab’s die bei Maximo Park noch nie. Aber abzappeln kann man herrlich zu In Another World (You’d Have Found Yourself By Now). Ein erhellender Mittelteil, ein konsequenter Chorus. Ein geraderausser Song.

Zu richtigen Höhen geht es dann mit Let’s Get Clinical. Das funkigste Riff der Platte, zweifelsfrei. Hier und da gibt’s auch ein paar ungewohnte Keyboardsounds schon wieder. Spätestens beim Refrain aber wieder Einhundert Prozent Maximo Park. Warum? Weil ihre Hooklines unfassbar treffsicher klingen, sich dabei aber nie vorhersehbar anbiedern.

„It started out on an acoustic guitar when the demo was recorded but in LA it morphed into what I am terming ‚robo-funk-pop‘. Because I can…“ (Paul Smith über „Let’s Get Clinical“)

    Let’s get back to your house
    and finish off the gin
    in your disheveled room
    we’re gonne wash ourselves in sin

    It’s criminal when you whisper in my ear
    let’s get clinical
    words delivered with a snear
    let’s get clinical

    I’d like to map your body out
    inch by inch
    North to South

Bei Roller Disco Dreams freut sich Paul Smith über die Dissonanz von Songtitel und Songstimmung. Fürwahr: Nach dem Rollerskatergirl klingt Track 8 nun wirklich nicht. Eher angestrengt und nervös – und auch laut. Und er hält den nächsten Glücksmoment vor. Dann nämlich wenn der Song diese erstaunliche Wendung nimmt. Es ist als gingen die Lichter an. Und passenderweise singt Smith genau zum Beginn dieses grellen Moments vom Feuerwerk. Überschwenglich! Und dann gibt es auch noch das ansonsten bei den Parks so verpöhnte Ouh-uh-ouh-ouh. Aber keine Angst, Ihr Vorabnörgler, mit dem marktschreierischen Killers-Appeal hat dieser Song zum Glück gar nichts gemein.

    This isn’t the first time
    but it still feels innocent
    I just want to kiss you

    If it’s a grower
    why can’t we take things slower

Und dann die Überraschung. Tanned fährt ein völlig anderes Tempo als alle andere Nummern – und fühlt sich auch völlig anders an. Beim ersten Durchhöhren mag das Stück ein wenig konstruiert klingen, die Backing-Vocals, der Groove, die sonderbare Grundstimmung. Vielleicht lohnt es sich die Lyrics zu entschlüsseln um dahinter zu kommen, worum es hier wirklich geht. Aber vergessen wir nicht. Mit „Acrobat“ befand sich schon auf „Certain Trigger“ ein Ausreißer, der über die Zeit hinweg aber auch seine Berechtigung erarbeitete.

Bewährte Kost gibt es direkt im Anschluss. Questing, Not Coasting – und man hört schon die Columbia Halle mitgrölen. Ein „Gute-Laune-Hit“, wenn man das so sagen darf. Einer vom Schlage „Sandblasted And Set Free“ vom Vorgängeralbum. Aber halt! Eben anders als bei so vielen anderen Bands, mag die Stimmung reproduziert worden sein. Aber nie die Melodien. Und das spricht für die Band. Hier ist der Frühling.

„It has, arguably, the most soaring chorus on the record and live audiences have been enjoying the Cars-style breakdown.“ (Paul Smith über „Questing, Not Coasting“)

    Questing, I am not caosting
    nor will I ever
    despite this weather
    I said „Hey You, what’s new“
    I know Your Face
    let’s go some place
    My thoughts that fled my lousening grip
    I need to connect to you now
    On our knees against the window sill
    Watching sheet lightning fly…

Und zum Schluß noch eine weitere Parallele zur 2007er Veröffentlichung. Aus I Haven’t Seen Her In Ages nimmt ganz bewußt als letzter Track den Fuß vom Gas – widerum nicht durch vermindertes Tempo, sondern durch ein Stück weit weniger Gewalt bei der Instrumentation. Und Mr. Smith steigt sogar mal kurz von seinem zurecht hohen lyrischen Roß ab und erzählt plötzlich ganz weltlich von früher. Das hat man auch nicht oft.

    It’s late and I miss You mostly
    the body gets confused
    You got a new bike
    and all I got was the picture
    but You were nowhere to be found
    remember the time when we rent a car for the day
    we got a map and I tried to navigate

Das Fazit: Ja, „Quicken The Heart“ IST ein würdiger Nachfolger der ersten beiden Langspieler. Und: Es ist NICHT egal, ob man Platte 1, Platte 2 oder Platte 3 anhört. Mit der 2009er Veröffentlichung gibt es ein neues, ein wieder ausgesprochen sehr gutes Stück Maximo Park.

Für mich die beste Band der Welt.

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(Lyrics vom Höhrensagen. Verbesserungen folgen, hoffentlich)

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