Vielleicht viel zu spät. Blumfelds „Verbotene Früchte“ liegen mittlerweile seit über drei Monaten in den Regalen herum. Bevor es verdorbene Früchte werden muss darüber gesprochen werden.

Wer dachte, Jochen Distelmeyer, Sänger im Blumfeld, habe einen Vogel, als er auf „Jenseits von Jedem“ im gleichnamigen Titelstück fast neun Minuten lang einen Jahrmarkt besang, der hat völlig recht.

Er gibt es sogar offen zu. Anhören kann man das bei „Ich Fliege Mit Den Raben“. Textauszug? Zu gerne:

„Sie (die Raben) laden mich auf ihre Reise ein
Und ich will ein Rabe sein.
Ich flieg mit den Raben zieh von Ort zu Ort
wir sammeln die Gaben auf und fliegen fort.
Da wo die Wolken blühn und Winde wehn
kannst du uns am Himmel sehen…“

Wie das so ist als Rabe, worauf man achten sollte und welches Selbstverständnis man so auf den Flügeln trägt, all das lehrt uns der Jochen nur allzu gerne.
Das irritiert? Nun ja. Distelmeyer scheint es komplett in die Natur verschlagen zu haben und so lag ihm nichts näher, als alles zu beschreiben was er so sieht und fühlt ,wenn er durch seinen Garten (den „Garten Jeden“ wird er ihn wahrscheinlich demnächst besingen) schreitet. In jedem Song gibt es mindestens eine Zeile, wenn nicht eine ganze Strophe in der es ganz vorrangig um die Rabenmutter Natur geht. Das macht das Album schwer zugänglich und ist wirklich schade. Denn wenn Waldorf-Bürgermeister Distelmeyer Songs beginnt mit den Worten:

„Schmetterling fliegt,
flattert über das Land
gewöhnlicher Bläuling
im Schmetterlings Gang,
auf schimmernden Flügeln (…)
zeigt er uns was er sieht
wenn der Schmetterling fliegt“

… dann ist es fast unmöglich, den Titel noch objektiv weiterzuhören. Dabei ist die Musik von Blumfeld auf „Verbotene Früchte“ so gut und abwechslungsreich wie selten. Wenn man sich irgendwann an den Obstler-Einschlag der Texte gewöhnt hat und nicht mehr hektisch nach der imaginären Mücke jagt, dann hört man tolles Songwriting: Wirklich unglaublich melancholisch trabt Blumfeld da durch den „Schnee“ und lädt dazu sogar eine einzelne Trompete ein, die gar nicht nervt. Schlageresk aber zweifelsfrei sehr sehr eingängig geht es in „Heiß die Segel“ zu. Und im „April“ singt Distelmeyer so hell und klar, dass man nicht weiß ob man ihn hassen oder lieben soll. Bei all dem Kitsch: Objektiv betrachtet haben die Hamburger 13 toll arrangierte, perfekt-vorgetragene Popsongs im Angebot.

„April“ ist dann auch einer der Höhepunkte. Ein Song, der so locker-flockig-traurig herüberkommt wie die letzten beiden großen Singles „Graue Wolken“ und „Wir Sind Frei“ von den Vorgängeralben. Doch auch hier stört die Text-Ton-Divergenz. Echte Euphorie kann einfach nicht aufkommen. Warum? Hier ein Textauszug:

„Gestern Heute Morgen
Hoffnungen und Sorgen
Wechselspiel der Formen
im April (…)

Wälder rauschen, Ströme gleiten
über Felder durch die Zeiten
Sonnenstrahlen wie für uns gemacht

Igel tapsen, Füchse tollen
hier und da ein Donnergrollen
Regen prasselt auf die Blütenpracht.“

Huiuiui. „Aber die Musik ist ganz nett“.

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