So, Freunde. Jetzt geht’s ans Eingemachte. Die Top 10 Alben des Jahres 2008. Aus meiner Perspektive jedenfalls.

Das rechte Maß

Man könnte sicherlich auch eine Zusammenstellung mit dem Titel „Die WICHTIGSTEN Alben 2008“ zurecht zimmern. Das machen viele und erzeugt allerortens auch erstaunliche Homogenität. Unter solchen Vorzeichen sähen die Platzierungen wahrscheinlich etwas anders aus. Ziel dieser Liste aber ist es schier, die Alben nach Heaviness in der privaten Rotation zu ordnen. Ein Abbild des ureignen Formatradiosenders also. Würde man seine Musiksammlung emsig pflegen und die Treue zu einem Musikabspielprogramm halten, könnte dies sogar empirisch auf Betonfüßen stehen. Aber wie gesagt, das Leben hält ja einen ganzen Blumenstrauß an digitalen – und man mag es kaum glauben – auch analogen Ablenkungen parat, so dass nur wenig Mitmenschen es schaffen, ihr Dasein in kompletter iTunes-Synchronität zu gestalten. Und so moderiert das Bauchgefühl die Plätze 10 bis 1 der besten Alben des Jahres 2008.


Platz 10: Fleet Foxes „Fleet Foxes“ Fleet Foxes - Fleet Foxes

Was haben Grunge und Starbucks gemeinsam? Richtig. In beider Pässe ist der Bundesstaat Seattle als Geburtsort verzeichnet. Und genau daher kommen die Fleet Foxes, die in 2008 ein Album in den Ring warfen, das nachhaltig begeistert. Zum Grunge gibt es neben der örtlichen Nähe keine weitere. Die zehn Tracks auf dem selbstbetitelten Debüt sind alles, aber nicht gitarrig. Das Herren-Quintett des Regenstaates bezeichnet ihren Sound als „Baroque Harmonic Pop Jams“ und bei aller zunächsten Irritation: Besser kann man die Messe von Album nicht beschreiben. Die Fleet Foxes scheren in den Top Ten mit Sicherheit am meisten aus. Denn das Album ist weder recht für den Tanzflur noch fürs Bett geeignet. Die Platte verlangt – und das ist ihr hoch anzurechnen – die Beschäftigung mit ihr selbst.


Platz 9: TV On The Radio „Dear Science“ TV On the Radio - Dear Science (Bonus Track Version)

Rezeptionstechnisch schlagen TV On The Radio in eine ganz ähnlich wenig ausgewetzte Kerbe. Geliebt vom Feuilleton, gehasst vom Kommerz veröffentlichte die Band um Tunde Adebimpe nach dem viel gefeierten „Return To The Cookie Mountain“ im November ihren vierten Longplayer. Eigentlich unbegreiflich wie TV On The Radio im New-Wave-Boomjahr 2006 in einem Atemzug mit den jungen Wilden dieser Zeit genannt wurde. Ein Vergleich zu Outkast oder Gnarls Barkley liegt eigentlich viel näher, auch wenn Hip Hop nur EINE Ingredienz der breitgestreuten Genregewürzmischung ist. Ihr 2008er Werk „Dear Science“ bietet deutlich mehr direkte Anknüpfungspunkte fürs Hookline-Ohr, verpasst es aber nicht, Kunst und Kommerz aus dem Gleichgewicht zu bringen.


Platz 8: Calvin Harris „I Created Disco“ Calvin Harris - I Created Disco

Und ab geht’s nach Schottland. Und endlich auf den durch überdreht schnelle und übergroß anmutende Discokugeln grell erleuchteten Dancefloor. Müßig vielleicht zu erwähnen, dass Calvin Harris‘ MySpace-Seite einen großen Anteil an seinem Erfolg hatte. Der Albumtitel spricht Bände und vertont Sehnsüchte – nach Feierei, nach Spaß, nach Größenwahn: „I Created Disco“. Und in Vertretung für das ablaufende Jahr muss man sagen „Yes, You Did“ – denn mit „The Girls“, „Colours“ und allen voran „Acceptable In The 80s“ schuf Herr Harris aus dem Handgelenk gleich drei Lieder, die wir so schnell nicht vergessen werden.


Platz 7: PeterLicht „Melancholie und Gesellschaft“ PeterLicht - Melancholie und Gesellschaft

So viel Avantgarde! Aber dabei zum großen Glück nicht angestrengt. Ein Garant aus deutschen Landen. Schon im Jahre 2000 tauchte der Unsichtbare auf. Das „Sonnendeck“ im Untergrund. 2006 dann Geschichten vom absoluten Glück. Und dieses Jahr? Noch radikalere Abkehr von der Elektronik. Ran an die echten Instrumente. „Melancholie und Gesellschaft“ erklingt im September. 10 Songs, die man lieben, aber sicher auch hassen kann. Und irgendwie werde ich den inneren Vergleich mit Blumenfeld nicht los. Textlich bereit bis ans Ende des Sprungbetts zu gehen und musikalisch der Harmonie nicht nur nicht abgeneigt bzw. ihr zaghaft zugewandt, sondern sie mit beiden Armen dringlich umarmend. Wie bei Blumfeld wird man Zeuge des Paradoxons von verquerer Lyrik und stromlinienartigem Arrangement. Zum Glück aber singt PeterLicht noch nicht von tollenden Füchsen.


Platz 6: Justice „Cross“ Justice - Justice

Der Nummer-Eins Musikvideoskandal kam von Justice. Eine alberne Aktion verglichen zur Bedeutung der Musik der Franzosen. Justice bestimmte maßgeblich den Verlauf der Dinge in der Kategrorie „Schlaues Tanzbares“. Der Bretzel-Bass, den Xavier de Rosnay und Gaspard Augé im Kinderchor-Arrangement „D.A.N.C.E.“ oder im Soulprunkstück „D.V.N.O.“ vorstellten, wurde postwendend zum meistgebrauchten Pflichtinhaltsstoff aller erwähnenswerten Remixe in 2008. Das Album „Cross“ wurde in unglaublich kurzer Zeit zum Maß aller Dinge. Wer ab jetzt bei einer Party auskennerisch von Air, Daft Punk und Einfluß der Franzmänner auf die Musik unserer Tage im Allgemeinen doziert, wird seinen Vortrag mit der Erwähnung des Namens Justice abrunden müssen.


Platz 5: Sparkadia „Postcards“ Sparkadia - Postcards

Legt man diese Liste gegen die Polls anderer Blogs und Journale gibt es mit Sparkadia auf Platz 5 wohl die größte Nicht-Übereinstimmung. Aber zu Unrecht. Als „Too Much To Do“ zu Beginn des Jahres durch die Anlage flötete, hielt ich das für eine höchst attraktive Eintagsfliege. Bei näherer Beschäftigung mit der Band aus Australien stellte sich aber heraus, dass das Debüt „Postcards“ komplett voll gestopft ist mit zwingenden Hits. Und genau! Musik muss auch mal Hit sein.


Platz 4: MGMT: „Oracula Spectacular“ MGMT - Oracular Spectacular

Elektropop oder besser: PopElektro – das Subgenre, das in 2008 selbstbewußter auftrat als alle anderen. Und das liegt, genau, an den Hits. Derer hatten das New Yorker Ensemble MGMT genau drei. „Kids“, „Time To Pretend“ und „Electric Feel“. Fürs komplette Album muss man allerdings auch konstanieren: Das wars dann auch schon, fast. Viele andere Bestenliste werden „Oracular Spectacular“ trotzdem auf die Eins hieven – den Umstand tolerierend in Kauf nehmen, dass es sich um eine mit hübschen Nebengewächsen schöndekorierte Sammlung dreier Singles handelt. Allerdings: Hier liegen drei Tracks vor, deren Energie und Einzigartigkeit (fast) alles überstrahlt, was in 3:50-Form in diesem Jahr so daher kam. (Da sich MGMT der YouTube-Offenheit versperrt hier die Akustik-Version von „Time To Pretend“ von irgendwem mit Gitarre)


Platz 3: Kings Of Leon „Only By The Night“ Kings of Leon - Only By the Night

Als das alles anfing, waren sie schon da. Das Internet schien noch nicht richtig erfunden, als die drei Sons-of-a-preacherman namens „Kings Of Leon“ 2003 das Album „Youth and Young Manhood“ veröffentlichten. Und meine ganz persönliche Liebe zum Thema Indie war geboren (Spät, ich weiß). „California Waiting“ und „Molly’s Chambers“ – krächzend-präziser Soundtrack des Endstudiums. Ich bin hochüberrascht und gleichsam genauso erfreut, dass diese Band, obgleich ihr Sound dem Indiemainstream durchaus fern ist, weil er auf kurvigen und teilweise recht unwegbaren Südstaaten-Highways umherkurvt, in 2008 immer noch da ist und nichts von seiner Faszination verloren hat. Rohheit erlebt man selten so perfekt. Und mit „Sex On Fire“ gab’s sogar noch einen richtigen Hit – inmitten des felsig-massiven Soundgestübs. Es ist gut zu wissen, dass es hier bei den Kings, einen Platz gibt, der mit dem Begriff Ironie nichts anzufangen weiss.


Platz 2: The Notwist „The Devil You And Me“ The Notwist - The Devil, You + Me

Wer denkt, dass Peter das einzige Licht aus deutscher Sicht ist, der irrt. Denn auf Platz Zwei steht ein Heizstrahler. Betrieben von Elektronik, aber mit Sicherheit abgenickt von Al Gore. Denn die Wärme entsteht beim Hören. Markus Acher hat sich 2008 entschieden, endlich endlich wieder ein Album zu veröffentlichen. Wir sprachen bereits über Death Cab For Cutie, über Bloc Party oder auch über I Am Kloot. Es ging dabei um die Schwierigkeit des Nachfolgealbums. Doch das ist alles Pipikram im Vergleich zu dem Mamut-Anspruch, der durch die sechsjährige Abstinenz von The Notwist entstanden ist. „Neon Golden“ bekam schon „Moon Safari“-Status. Wie um alles in der Welt sollte es möglich sein, mit einem neuen Longplayer auch nur ANNÄHERND IRGENDWEN zufrieden zu stellen? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, es ist gelungen. „The Devil You And Me“ – keine experimentelle Neuerfindung, keine kraftlose Kopie des Altbewährten. Es ist mir unbegreiflich, wie es ein Album schaffen kann, beiden spontanen Vorurteilen zu begegnen. The Notwist ist es geglückt. „The Devil You And Me“ ist auf Platz 2.


Platz 1: The Ting-Tings „We Started Something“ The Ting Tings - We Started Nothing

Man kennt vielleicht die Wettkönig-Grafik beim Wetten-dass-Ted. Bevor der Gewinner gekürt wird, bauen sich die Balken auf und man erkennt, wie nah oder entfernt die Anwärter in der Zuschauergunst liegen, noch bevor die Namen der Platzierten und des Gewinners auf das Diagramm purzeln. Eine ähnliche Dramaturgie würde ich ganz by the way auch für die Hessen-Wahl im Januar vorschlagen. Doch das nur nebenbei.
Gäbe es eine Flash-Animation für die Top Ten in 2008 wären Balkenlängen der Top Fünf-Platzierungen nur mit sehr geschultem Auge zu erkennen, pixelschwache Röhrenfernseher würden auch jenen Bevorzugten keine Chance der Dechiffrierung zugestehen können. Denn es ist knapp. Und doch – mein Album 2008 kommt aus England. Mein Album 2008 ist kein Gitarrenalbum. Mein Album 2008 stammt von den Ting Tings.

Auch auf der Metaebene klappt diese Bevormundung gut, zeichnet der Sound der Band doch sehr nachvollziehbar zwei entscheidene Trends nach: Weg von der Klampfe, hin zu den Reglern – weg von der Naivität, hin zur Souvereintät, weg vom Lebensabschnittsgefühl, hin zur Konsequenz des Augenblicks. Wie schon MGMT vereinen die Ting Tings mit „That’s Not My Name“, „Shut Up And Let Me Go“ und „Fruit Mashine“ drei Granatgaranten von Songs auf ihrem Debut. Anders als MGMT aber präsentieren sie mit „We Started Something“ ein Album, das sitzt, wackelt und Luft hat. Hier passt alles. Und – auch das ist ein Trend 2008 – hier wird effezient gehandelt. Ein Groove, eine Hookline. Wer tanzt hat recht. Mehr braucht nicht.

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