Hochsommer auf der Spreewelle. Ausgabe 74 ackert sich in Hochgeschwindigkeit durch alle Subgenres des Indiespektrums. Breite Bässe, schludrige Gitarrenläufe, ausgetüftelte Vocoderschraubereien, blechernde Sixties-Bläsersätze, aber auch das liebliche Banjo und die schwelgenden Geigen werden für die Sommeredition ausgepackt.

„I ain’t living in the dark no more
it’s not a promise,
I’m just gonna call it
heavy mitted love“



Mit Monsters Of Folk gibt es einen ungewohnt ruhigen Einstieg in die Tracklist. Das liegt daran, dass sich die Indie-Supergroup diese exponierte Startposition ein bißchen so verdient hat wie Pjöngjang die Olympischen Spiele: Das Projekt ist, obwohl schon 2009 initiiert bislang noch nie auf der Spreewelle aufgetaucht.

Monsters Of Folk – Temazcal

„Temazcal“ hat eine wunderbar beunruhigende Spannung und funktioniert als eine Art Prolog für den eigentlich Start der Compilation: Das grandiose „Death Major“ von 13 & God. Auch hier handelt es sich um eine (allerdings schon erprobte) Kooperation – nämlich von Notwist und der amerikanischen HipHop-Band „Themselves“. Mit „Own Your Ghost“ ist jüngst das zweite echte Studioalbum entstanden. Und es beweist über die gesamte Spiellänge, wie zwingend die beiden so unterschiedlichen Klangwelten zueinander passen. Gerade besagtes „Death Major“ ist meisterhaft produziert und arrangiert. Dax Piersons Reime rollen zu Beginn pummelig und ungelenk ins Zimmer, um sich im Laufe des Songs immer schneller zu bewegen, sich im Raum ausbreiten. Zum Höhepunkt des Songs existiert kein Raum mehr, nur doch die ratternden Reime und ein waghalsiger von wahrhafter Crazyness befallener Groove.



Dazu passt ganz famos Malachai’s „Let Em Fall“. Klingt ähnlich unberechenbar und linkisch, dunkel und mystisch. Leider kann der dazugehörige Longplayer nicht ganz die Leistung bringen, die die Single verspricht.
Oh Land’s „Sun Of A Gun“ wurde schon vor einem dreiviertel Jahr von der Spreewelle gemocht. Fast genauso lange gibt es schon den Yuksek-Remix dieses Tracks. Und er klingt genau so wie man ihn erwartet. Yukseks unironisch straighter Turboboost verleiht dem Song trotzdem eine neue Dimension.
Oh Land – Sun Of A Gun (Yuksek Remix)


Und wenn es schon so ungeniert und geradeaus abgeht, dann darf auch endlich der Foamo-Remix von Franz Ferdinands „No You Girl“ auf die Spreewelle. Das herrlich simple Soundgerüst mit nur wenig Abwechslung funktioniert auch nur in der Single-Version, da aber richtig. Herrlich, wie das Gitarrenriff in den 4-4-Beat gefangen ist und zum Ende jeder 16er-Einheit das blechernde Snear-Break den Beginn einer neuen Runde einläutet.
Franz Ferdinand – No You Girls (Foamo Remix)


Deutsche Elektronik dann im Anschluss: Marek Hemmann, Jahrgang 79, geboren in Gera, hat mit „Left“ eine schöne Definition des Pop im Bereich des Minimal Techno geschaffen.
Marek Hemmann – Left


Hochglanzpolierter Indieelectro dann von Little Dragon, einer Band aus Schweden, bei denen die Japanerin Yukimi Nagano gleichzeitig singt und auf die Trommeln haut. „Ritual Union“ ist Vorbote zum Ende Juli erscheinenden gleichnamigen dritten Album und klingt irgendwie sehr speziell. Speziell gut.
Little Dragon – Ritual Union


Nach soviel Elektronik kann man sich mal einen kleinen Megamix gönnen, oder? Auf so gut wie allen Sommer-Indie-Mixtapes findet sich dieser Tage dieser Song. Und warum auch nicht. Wenn ein Song „Summertime“ heißt, alle gleichnamigen Songs der Popgeschichte vereint und das alles unterlegt mit einem coolen Oldschool-Groove, dann muss er eben auch am Strand getragen werden.
Pretty Lights vs Summertime (Free Download) by prettylights


Mit dem Thema Sommer in Verbindung gebracht werden auch seit über einem Jahr Foster The People. Die Band wurde durch einen deutschen Blog und einen österreischischen Radiosender prominent gemacht, „Pumped Up Kicks“ findet aber erst 2011 den Weg in den Mainstream. Wir, für die das alles schon wieder kalter Kaffee ist, erfreuen uns an anderen Songgeschenken der Clevelander. Zum Beispiel am harmlosen aber schönen „I Would Do Anything For You“.
Foster The People – I Would Do Anything For You


Cults ist auch so eine Band, von der man jetzt so viel liest. Die Band aus den Staaten rührt im Retrotopf, der seit MGMT wieder auf dem Feuer steht. Glockengebimmel, Low Fi- Frauenchöre, undifferenziertes Synthiegewaber und eine shiny Hookline, das sind die Inhaltsstoffe, die ausreichen, um mit den richtigen Verhältnissen eben dieser einen Sommerhit zu fabrizieren.
Cults – Oh My God


Wie man noch richtig Retro macht, zeigt die ebenfalls in L.A. ansässigen Fitz And The Tantrums. „MoneyGrabber“ heißt ihr Hit, der sie schon seit ein paar Monaten durch die amerikanischen Late-Night-Talkshows tingeln lässt und einen ganz unruhig sitzen lässt.
Fitz And The Tantrums – MoneyGrabber by 247QM


Aus der guten Laune kommt man dann gar nicht mehr raus. Es folgen drei echte Sunshine-Indiepopsongs: The Blind Eyes, Kakkmaddafakka und Rubik, drei Bands mit drei sehr sonnigen EsistzwarerstvieraberichmachmirtrotzdemeinBierauf-Songs.
The Blind Eyes -Hermetically Sealed


Die Seite 1 wird abgeschlossen mit Young Rebel Set – und sehr gradlinigem, eingängigen, sehr britischem Folkrock.  Die Band besteht, wie es sich für eine englische Rockband gehört, zum größten Teil aus Brüderpaaren. Komisch dass Lions Mouth bei all seiner Vorhersehbarkeit überhaupt nicht cheesy klingt.
Lion’s Mouth by youngrebelsetscloud


Eine Band, die mir in 2011 sehr ans Herz gewachsen ist, ist Life In Film. Ich hoffe, dass ständiges Wiederholen und Lobpreisen dazu führt, dass die jungen Herren mal eine richtige Langspielplatte aufnehmen. Bis es soweit ist, kommt einfach alles, was sie irgendwie ins Netz oder zu itunes sickern lassen auf die Spreewelle.“Suitcase“ ist zwar eher Uptempo, eröffnet aber trotzdem Seite 2. Zum einen, weil sich so der Kreis zum Opener der ersten Seite schließt, zum anderen, weil die melodischen Harmonie bzw. die harmonischen Melodien des Refrains so weich und soft daher kommen, dass sie wohl keinen Fan der Seite 2 verschrecken könnten.



Freundlich und höflich ist auch Sir Simon. „Goodnight, Dear Mind“ ist allerbestes Songwriting. Ein sehr abwechslungsreicher Song und eine sehr hübsche kleine Geschichte wird da erzählt.
Sir Simon – Goodnight, Dear Mind


Die beiden ersten Lieder dienen ein wenig zur Orientierung, zur Beruhigung, vielleicht auch zur Stärkung. Denn dann kommt harter Tobak. Denn dann kommt Bon Iver. Sein selbstbetiteltes zweites Album kam Mitte Juni in die Läden und man sollte es kaufen. Wenn man das folgende mehr interessant als verwirrend empfindet. Das Album ist wesentlich multiinstrumentaler als das karge Debut. Viele Alben auch von guten Künstlern sind häufig nicht viel mehr als eine Sammlung im besten Fall guter Songs. „Bon Iver“ ist da anders. Es hat Charakter. Als ganzes. Als Summe der Songs. Die Songs sind in ihrer Mehrzahl bildschön. Soviel ist klar. Verstehen muss/kann man sie nicht auf Anhieb. Das liegt zum einen an der Phantasiesprache, die Iver benutzt (schon erkennbar an der Tracklist), zum anderen an der häufig verschachtelten Instrumentation. Da kommen E-Gitarren an unmöglichen Stellen vor. Da segelt ein Saxophon von irgendwo herbei – in einem ebenfalls unvorhersehbaren Moment. Und dann natürlich die unverkennbare Stimme und Ivers Eigenart im Aufnehmen und Mischen seiner Stimme (ein sehr guter Artikel zum Thema Autotuning)
Die ganze Eckigkeit würde wahrscheinlich unfassbar nerven, wenn Bon Iver nicht in der Lage wäre, richtig riesengroße Melodien zu finden. Der absolut überspitzteste Beleg ist „Beth / Rest“. Wer bei den ersten Takten nicht an Phil Collins denkt, der hat seine Jugend verpasst. Für mich ist es ein kleines Wunder, dass dieser Song trotzdem toll ist. Meine Vermutung ist, dass es an den Ecken und Kanten liegt. Sie lassen einen gewähren. Sie erlauben, dass man die Melodie, die gleichsam euphorisch und totraurig klingt, in all ihrer Klebrigkeit toll finden darf.
Bon Iver – Beth / Rest


Stimmlich ähnlich weit ab vom Schuss ist Active Child. Aber klanglich definitiv noch experimenteller. Das was da bei „Hanging On“ passiert klingt choral, fast schon religiös. Der Schweizer Blog 78s nennt das Genreuniversum, indem Active Child operiert „Brooklyn-Nu-Hippie-Glam, Chill-Wave und 80er Synthi(e)ndie-Pop“ und definiert dann auch tatsächlich Bon Iver einerseits, Passion Pit und Hurts andererseits als mögliche Sonnen im System.
Active Child – Hanging On


Bei aller Offenheit für den neumodischen Quatsch tut es dann aber auch gut, dass Death Cab For Cutie da sind. Sie steuern für die zweite Seite der 74. Spreewelle das frech-fröhliche „Stay Young, Go Dancing“. Frauenquotentechnisch sah es beim aktuellen Sampler wieder bis zuletzt ganz schwarz aus. Glücklicherweise haben Metronomy mit „Everything Goes My Way“ in der Hypemachine in den letzten Tagen für Aufmerksamkeit gesorgt.
Metronomy – Everything Goes My Way


Die letzten 3-4 Tracks entführen musikalisch nochmal in eine ganz andere Welt. Es wird fast klassisch mit Meursault, Max Richter, Tom McRae und dem Portland Cello Project. Ein sehr dezentes Ende einer sehr abwechslungsreichen Spreewelle – inspiriert von Mikes Mix – scheinbar gibt es noch mehr Jungs, die den Zwang haben, monatlich zu kompilieren.
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Seite 1

 

[unordered_list style=“number“ number_type=“circle_number“ animate=“no“]
  • Monsters of Folk Temazcal
  • 13 & God Death Major
  • Malachai Let ‚Em Fall
  • Oh Land Sun Of A Gun (Yuksek Remix)
  • Franz Ferdinand No You Girl (Foamo Remix)
  • Marek Hemmann Left
  • Little Dragon Ritual Union
  • Pretty Lights Pretty Lights vs Summertime
  • Foster The People I Would Do Anything For You
  • Black Light Dinner Party Older Together
  • Cults Oh My God
  • Fitz and The Tantrums MoneyGrabber
  • Life In Film Get Closer
  • The Blind Eyes Hermetically Sealed
  • Smith Westerns Weekend
  • Kakkmaddafakka Your Girl
  • Rubik Laws Of Gravity
  • Arcade Fire We Used To Wait
  • The Wind-Up If I’m Right
  • Young Rebel Set Lion’s Mouth
[/unordered_list]

Seite 2

 

[unordered_list style=“number“ number_type=“circle_number“ animate=“no“]
  • Life In Film Suitcase
  • Sir Simon Goodnight, Dear Mind…
  • Bon Iver Beth / Rest
  • The Off Key Lion’s Mouth
  • 13 & God It`s Own Sun
  • Ed Sheeran The A Team (Koan Sound Remix)
  • Pinback Penelope
  • Other Lives For 12
  • Active Child Hanging On
  • Tim Neuhaus As Life Found You
  • Death Cab For Cutie Stay Young, Go Dancing
  • Jessica Lea Mayfield Our Hearts Are Wrong
  • Metronomy Everything Goes My Way
  • Ólafur Arnalds Tunglið
  • Meursault A Fair Exchange
  • Max Richter Vladimir’s Blues
  • Portland Cello Project Travel
  • Tom McRae Ghost of a Shark
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