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Die September-Spreewelle folgt der vor einem Jahr eingeführten Regel, nämlich dem Abweichen von der Regel. Gab es zur 100. Ausgabe 20 Edelstücke von Spreewelle Allstars, entführt die neue Ausgabe ins Land von Baguette und Bordeaux.  Eine Reise durch sechs Jahrzehnte französischer Popmusik. Enchanté!

C’est Si Bon – Lovers Say That In France

Was für eine wunderbare Rahmenhandlung für unseren kleinen Themenabend. Der Song hat eigentlich einen komplett französischen Text, Eartha Kitt chartete in Amerika Anfang der 50er Jahre mit der englischen Variante. Witzigerweise stammt die am besten gelungene Reinterpretation des Originals von einer Amerikanerin. Jane Morgans „C’est Si Bon“ wurde in Frankreich und England Ende der 50er Jahre gefeiert. Das Cover ist dabei weniger jazzig, sondern hüpft leicht beschwingt auf einem Bossa-Nova-Groove. Klingt nach Pina Colada und Love Boat, nur die ominpräsente Quetschorgel verrät noch die geographische Herkunft.

http://www.youtube.com/watch?v=rVkDQ3MdkLo

France Gall prägte den femininen Pop der Franzosen ein paar Jahrzehnte später. In Deutschland gelang ihr mit „Ella, elle l’a“ ein Jahr nach Tschernobyl ein Nummer 1 Hit. Gut 20 Jahre früher, kurz nach Beginn ihrer Karriere und dem Gewinn des Grand Prix aber nahm sie „Laisse Tomber Les Filles“ auf. Ein freches, fetziges Stück French Pop und ein generationenübergreifender Must-Dance. Geheimtipp für Hochzeiten.

France Gall – Laisse Tomber Les Filles

 

Frenglisch und der Quotenfranzose

Der Beginn der Kollektion ist also weniger klischeehaft chansonlastig als befürchtet (da kommen wir noch vorbei), viel mehr sind die ersten Songs Beleg für die – zumindest was Popmusik angeht – gut funktionierende französisch-amerikanische Freundschaft. Um einer zu starken Annäherung an die angelsächsische „Kultur“ Grenzen aufzuzeigen, wurde 1994 die Radioquote eingeführt. Seitdem müssen 60% des musikalischen Radioprogramms aus europäischen Produktionen bestehen, 40% sollen aus französischen Federn stammen. Das führt zu teilweise lustigen, manchmal auch sehr wunderlichen Klangergebnissen. Wer in der Bretagne, in Paris oder an der Atlantikkiste das Radio aufdreht, muss manchmal sehr zweifelhafte frenglische Songs hören, englischsprachige Strophen werden da von französischen Refrains ergänzt. Auch wenn es erst seit 94 staatlich reguliert wurde, schon in den 70er Jahren gab es solche Experimente. Laurent Voulzy hat eines der bekanntesten veröffentlicht. Sein „Rockollection“ ist eine Art Megamixmashup, in denen die Beatles, die Beegees und die Rolling Stones verwurstet werden, es dauert stolze 7:30 Minuten und macht einen Heidenspaß.

Laurent voulzy – Rockollection

Begegnung mit der Gegenwart

Ben L’Oncle Soul wurde Mitte der 00er Jahre vor allem für seine soulige Neuinterpretation von White Stripes Seven Nation Army. Da singt er englisch. Aber eigentlich ist er ja Franzose. Und das Französische macht den Motown Sound seiner Songs eigentlich erst richtig spannend.



Thierry Stremler stammt ebenfalls aus dem hier und jetzt. Auf der sehr guten French Pop Reihe „Le Pop“ ist er bereits mehrfach zu Gast und sein „Et pourquoi pas?“ ein gutes Beispiel dafür, wie moderner, filigraner, französischer Pop gut klingen kann, ohne sich dabei in den Klischees des Chansons zu verheddern.


Phoenix – Verkörperung des salonfähigen French Pops der 00er Jahre

Wenn wir über die französische Popmusik der Gegenwart reden, darf natürlich Phoenix, die langlebigste Spreewelle-Lieblingsband, nicht fehlen. Interessanterweise gibt es kein Fetzen Musik der Band in französischer Sprache. Für die 110. Spreewelle daher ein Kunstgriff: Der Remix des im Original viel zu aufgeregten „Entertainment“ heißt „French Fox Remix“ – und klingt auch tatsächlich viel französischer als das Original. Den Songs gibt bei Soundcloud umsonst.

https://soundcloud.com/french-fox/phoenix-entertainement-french

Housse De Racket waren bereits freiwillig, ganz ohne Quote auf der Spreewelle vertreten. Kein Wunder, ihr sehr uptodater, internationaler Indiepop-Sound passt ins Konzept. Immer wieder gelingen ihnen lupenreine Spreewelle-Songs, nur eben mit der Feinheit, dass sie in französischer Sprache vorgetragen werden.

Housse de Racket – Chateau

Griffige Hooks, schwärmerische Melodien, eine jungenhafte Stimme, der man das Träumerische abnimmt: Das alles kann neben Phoenix auch Malajube aus Montréal. Die gibt es seit 10 Jahren und ihre Diskographie lohnt das Ohr.



Ebenfalls aus Québec kommt Jean Leloup. Sein größter Hit kommt nicht ohne einen englischsprachigen Titel aus, das Arrangement, die Struktur und die Instrumentation hingegen unterstreichen den frankophonen Hintergrund.

Jean Leloup – I lost my baby

2013: Nouveau New Wave

Damit sind wir in der kleinen Sequenz brandaktueller New Wave Musik aus unserem Partnerland des Monats angekommen. Aktuell macht da Lescop am meisten Alarm. Dunkel, kühl, zackig. „La Forêt“ wurde drüben bei den französischen Emmys als Song des Jahres 2013 nominiert – und hätte eigentlich gewinnen und auch ein internationaler Hit werden sollen.



Auch Aline gehört in diese Schublade. Ordentlich Schub nach vorne, eine coole Hookline und ongtechnisch eine sehr new wavige Geisteshaltung. Ebenfalls ein Phänomen aus dem Jahr 2013. So klingt Frankreich also heute in der Indiediscò.

http://www.youtube.com/watch?v=YyPVh99MrHU

 

Faible für Femme Fatale

Zu fast guter letzt kommen die unvermeidlichen weiblichen Sirenen ins Spiel. Französinnen! Sowieso! Auf Carla Bruni kann man verzichten, wenn man Berry, Émilie Simon, Coeur De Pirate und Anna Ternheim, die eine zuckersüße „Naked Version“ von „French Love“ beisteuert, mit an Bord hat.



 

Rien ne va plus: Auf viel Neues im Oktober

Zum Abschluss der Klassenfahrt singt Dean Martin eine sehr amerikanische Variante von C’est Si Bon. Damit schließt sich der Kreis. Und vorrangig englischsprachig geht es dann im Oktober weiter.



Coverfoto: Moules
Covercook: Charly

Die Playlist

  • Jane Morgan C’est Si Bon
  • France Gall Laisse Tomber Les Filles
  • Laurent Voulzy Rockollection
  • Ben L’Oncle Soul Soulman
  • Thierry Stremler Et pourquoi pas?
  • Phoenix Entertainement (French Fox Version)
  • Malajube Dragon De Glace
  • Jean Leloup I lost my baby
  • On a Créé Un Monstre Brûle
  • Mathieu Chedid & Sean Lennon I eclipse
  • Housse De Racket Chateau
  • Lescop Le Foret
  • Aline Regarde le Ciel
  • Berry Demain
  • Émilie Simon Desert (Version Française)
  • Anna Ternheim French Love (Naked Version)
  • Daniel Bélanger La folie en quatre
  • Blur To the End (French Version)
  • Coeur De Pirate Les amours dévouées
  • Dean Martin C’est Si Bon