Lasst uns den Frühling herbeischreien. Die neue Spreewelle pflegt weiter ihren aktuell recht optimistischen Ton, nicht ohne dabei auf ausgefeilte Dramaturgie zu setzen. Dieses mal spaltet sich Seite 1 ziemlich genau in drei Akte auf. Deshalb gilt mehr denn je: NEVER PLAY RANDOM!

Jetzt wird wieder in die Hände geklatscht

Die Inspiration für den ersten Akt kam mir im Taxi zu Ohren. Einer dieser Fahrer, dessen After Shave, Fahrstil und Radiosenderwahl eine bemerkenswert abstoßende Einheit bilden. Eine Bassline bretzelt da durch die aufgemotzte Effektanlage. Eine Bassline, die nach Doo-Woop klingt. Nicht mehr, nur ein paar Handclaps und schließlich eine tiefe, aufgekratzte Frauenstimme. Ziemlich rund das Ganze, denke ich. Der vorsichtige Blick zur Senderkennung und beinahe gleichzeitig scheppert der Song richtig los und klingt nun nicht mehr clever und cool, sondern nur noch berechnend und bieder. Star FM spielt „All About That Base“ von Meghan Trainor. Das sagt mir nicht mein Chartkenntnis, sondern Shazam. Einige Momente später muss ich feststellen, dass dies wohl einer der erfolgreichsten Tracks den Jahres 2014 war. Im Sommer.

Was bleibt von dieser Geschichte? Nein, Meghan Trainor sicher nicht. Und trotzdem steht dieser Song Pate für den ersten Zyklus von Song 1 bis 6. Er könnte heissen: „Handclap – Now and then“ und es sind die schon ziemlich angestaubten Handklatscher in Dave Brubecks fisseligen 7/8 Schlager „Unsquare Dance“, die die Spreewelle eröffnen. Fernsehamerika liebt diesen Track, gerade kürzlich untermalte der quirrlige Minimalist die schmierigen Schamützel von Saul Goodman.



Sowohl geklatscht als auch getanzt wird auch zu Pigeon John. Der US-Rapper liefert mit „The Bomb“ die Musik zu einem VW Commercial, indem Gene Kelly und Donald o’Connor sich im altersgerechten Sitztanz probieren. Die beschwingte Mischung aus Rap und Shuffle geht in die Beine…

Pigeon John – The Bomb

… und funktioniert auch 4 Jahre später noch prächtig. Das schwedische Hiphop Kombinat Looptroop Rockers legt mit „Slipping“ 2014 einen sehr an Outkast erinnernden Kracher aufs Paket. Konsensrap, kann man das nennen. Der Refrain sprudelt nur so vor guter Laune: „Can’t Keep From Slippin Into Your Lo-oove“…

Slippin' von
Looptroop Rockers auf tape.tv.

Und weiter wird geklatscht im Affentempo. Mr. Bird ist ein ziemlich guter Musiker aus Lissabon. Auf seiner Webseite lässt sich die sonnige Herkunft aus jeder Produktion heraushöhren. Für „The Morning’s Coming“ kollaboriert er mit Greg Blackman und heraus kommt eine sehr uptodate Version von Soul.



Eine goldene Überleitung ist das zum absoluten Klatschklassiker, dem Handclapping Song von The Meters. Perkussiv durchaus interessant, was da passiert. Nicht unbedingt die naheliegendsten Kicks für einen Welthit. Aber es hat geklappt und verflüchtigt sich ganz sanft in das vor Referenzen überquillenden „Magic City“, bei dem wiederholt Mr. Bird seine Finger an den Knöpfen hatte.

The Meters – Hand Clapping Song


Kugeln in der Disco

Zu Retro bis hierhin? Für den zweiten Akt werfen wir uns die etwas modernere Discoklamotte über. Miami Horror sind bereits im achten Jahr erster Ansprechpartner, wenn es um hemmungslos zappelnde Michael-Jackson-in-der-guten-Phase Beats geht. „Love Like Mine“ ist der erster Vorgeschmack auf die im April erscheinende Platte „All Possible Futures“. Und man braucht kein Schelm sein, wenn man im Arrangement, in der Instrumentation, ja sogar in den Lyrics MJ’s „Started Something“ heraushört.



Für den ersten Foreshadow auf Akt drei sorgen die Wombats. Jaaa, die Wombats. Nicht das lustige Tier und auch nicht das Berliner Backpacker Hotel, sondern die schon seit 2003 bestehende Band aus Liverpool. Die sehen immer noch aus wie 12 und wollen heuer mit „Glitterbug“ – ihrem erst dritten Album – mal wieder in die Charts. Die Single „Greek Tragedy“ passt namentlich politisch in die Zeit, fetzt aber nur im Oliver Nelson Remix richtig.


Zwittertöne und sortenreiner Indiepop

Der Indiepop nimmt dann immerhin ein gutes Drittel der Songs von Seite 1 ein. Als Genre-Zwitter ölt HONNE den Übergang. Die bringen in den nächsten Tagen eine neue EP raus, „Coastal Love“ ist im Vergleich zu den (allesamt bei der Spreewelle liebevoll verramschten) bisherigen Tonproben deutlich fixer. Steht denen gut.



Wäre es nicht superschön, wenn Phoenix mal wieder eine neue Platte herausbringt? Bis es soweit ist, behelfe ich mir mit der Recherche nach Sound-alikes. Fündig wird man bei Bad Wave (SEO-mäßig eher mäßig gute Bandnamenwahl). Die haben nur 220 Fans (da haben ja fast Leckortungssystem-Innovationen mehr), aber mit „Look Out“ einen passables Ersatzmitteltitel für Phoenixhungrige.



Curtis Hardings Debutplatte „Soul Power“ begeistert Iggy Pop und Jack White. Und auch ich bin ziemlich angetan von dem sehr vielseitigen Erstling des ehemaligen Backgroundsängers von Gnarles Barkley. Im folgenden Bewegtbild erkennt man auch eine optische Nähe zu Lenny Kravitz. Akustisch geht das in der Summe aber in eine andere Richtung. Und im Video turnt eine nackte Frau rum! Sowas! Man sollte mehr Musikvideos sehen.



Indiepop as Indiepop can heißt es dann mit Blur. Da erscheint im April das lang ersehnte neue Studioalbum „The Magic Whip“. Die Vorab-Single konnte nicht so richtig charten in den eigentlich sehr positiv gestimmten Musikblogs dieser Welt. „Go Out“ ist denn auch ein wenig knarzig und kantig. Aber die Überwindung lohnt. Ich brauchte einige Durchgänge, bis ich den dahingerotzten Refrain voller Inbrunst mitgrölte. Und leider leider gibt das Internet diesen Song aktuell nicht als teilbares Embed-Dingsbums her. Müssta selba suchen.

Jetzt mal Piano: Die Seite 2

Seite zwei ist ziemlich pianolastig und hat obendrein noch eine ganze Reihe von Reminiszensen an Film und Fernsehen. Zum Beispiel der Opener. „Selma“, das bei den Oscars ziemlich vernachlässigte Martin Luther King Drama, hat einen kraftvollen Soundtrack. Fink aus Brighton steuerten unter anderem das sehr schöne „Yesterday was hard on all of us“ bei.

Fink – Yesterday Was Hard On All Of Us

San Fermin kommen aus Brooklyn und veröffentlichen dieser Tage ihr Debutalbum „Jackrabbit“, das alles andere als nach einem Debutalbum klingt. Für Freunde von The National und klassisch instrumentiertem Pop.



Das aktuelle Album der Decemberists bleibt eine dringende Kaufempfehlung. Dieses Mal gibt es das folkig-flockige „Lake Song“.

The Decemberists – Lake Song

Das vehemente Stöbern im Œuvre von Greg Laswell fördert immer noch wahnsinnig gute Downtime-Songs zu Tage, auch wenn „High And Low“ schon einige Jahre auf dem Buckel hat.

Greg Laswell – High and Low

Und wie das so ist beim Katalog-Stöbern, die Hörer-kauften-auch-Empfehlungen sind nicht immer schlecht, wie der Hinweis auf Trent Dabbs belegt. Die Wässer werden seichter, die Songs aber nicht schlechter.

Trent Dabbs – Inside These Lines

Es muss also wieder ein bisschen artsy werden, damit das mit der Strassenkredibilität nicht zum Problem wird. Deshalb: Georgi Kay Cover von Björks „Joga“. Imposant vorgetragen in der vorletzten FOlge des verstörend schönen „Top Of The Lake“



Außerdem auf Seite 2: Neue Töne von RHODES, Oh Wonder, Passion Pit, Little Dragon und Mumford & Sons, aber nu is Wochenende.

Wir haben’s gleich geschafft.

Cover Location: Hannover.

Playlist:

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  • Dave Brubeck Unsquare Dance
  • Pigeon John The Bomb
  • Looptroop Rockers Slippin
  • Mr Bird The Morning’s Coming (feat Greg Blackman)
  • The Meters Hand Clapping Song
  • Fae Simon Magic City (Mr Bird Remix)
  • Miami Horror (Official) Love Like Mine feat. Cleopold
  • Bakermat Another Man
  • Dolly Parton Jolene (Todd Terje Remix)
  • The Wombats Greek Tragedy (Oliver Nelson Remix)
  • HONNE Coastal Love
  • Bad Wave Look Out
  • Curtis Harding Next Time
  • Blur Go Out
  • RDGLDGRN Doing the Most
  • Fences Songs About Angels (feat. Macklemore)
  • Catfish And The Bottleman Kathleen
  • The Lodger The Good Old Days
  • Chapel Club Surfacing
  • Death Cab For Cutie Black Sun
[/unordered_list]

Seite 2

 

[unordered_list style=“number“ number_type=“circle_number“ animate=“no“]
  • Fink Yesterday Was Hard On All Of Us
  • San Fermin Emily
  • The Decemberists Lake Song
  • Jaymes Young I’ll Be Good
  • Greg Laswell High And Low
  • Trent Dabbs Inside These Lines
  • Ingrid Michaelson Open Hands (feat. Trent Dabbs)
  • Georgi Kay Jóga
  • Oh Wonder Technicolour Beat
  • RHODES Your Soul
  • Mansionair Seasons (Waiting On You) (Future Islands Cover)
  • MEG MAC Roll Up Your Sleeves
  • John Legend All of Me
  • Passion Pit Where the Sky Hangs
  • Lucy Rose Our Eyes
  • Szymon Golden
  • Beach Baby Ladybird
  • Mumford & Sons Believe
  • Little Dragon Twice (Tora Cover)
  • Morcheeba Part of the Process
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