Historiker grübeln. Es ist 2015. Es ist Mai. Bedeutet das nicht, dass es die Spreewelle genau 10 Jahre gibt? Hieß Ausgabe 1 nicht „54“, was in der alten – und zurecht viel diskutierten – Nomenklatur der Welle für 04/2005 stand? Und wenn dem so ist, warum titelt die Journalie nicht entsprechend, weshalb gibt es keinen Brennpunkt nach der Tagesschau und warum wimmelt das Internet nicht von Gratulanten? Die Forscher haben eine Vermutung: Irgendwie stimmen die Zahlen nicht.

Die Sache mit der Monatsfrist

Man kennt ihn vom Finanzamt, von intimen Stimmungsschwankungen und von der eigenen Lohntüte: Der monatliche Rhythmus ist verlässlicher Begleiter, mal geliebt, mal verhasst aber immer verlässlich. Der monatliche Rhythmus – genau für den ist die Spreewelle auch verantwortlich – alle 30 Tage, seit rund 10 Jahren. Aber wie im echten Leben setzen wiederkehrende Termine die davon Betroffenen auch immer wieder erheblich unter Druck. Und im Zweifel – oder zweimal in 10 Jahren – ist die Deadline überschritten. Der Rhythmus stottert, der Veröffentlichungstermin wird nicht eingehalten, die Welt gerät ins Wanken.

Auf den Tag genau vor 10 Jahren wurde die erste Spreewelle veröffentlicht. Im Rückschluss müsste heute die 120. Spreewelle veröffentlicht werden. Tut sie aber nicht. Es ist die 118. Und nicht nur Adam Riese ahnt, dass da was schief gelaufen ist. Zwei Ausgaben müsst Ihr und ich uns also noch gedulden. Soviel Analcharakter muss sein. Denn verfrühte Glückwünsche bringen Unglück. Für die Chronisten halten wir fest: Es wird die 10-Jährige Spreewelle geben – zur 120. Ausgabe. Und das wird gefeiert. Details werden in diesem Moment gedanklich durchgespielt und an dieser Stelle und natürlich auf dieser Welle rechtzeitig durchgegeben.

Intelligente Konsenselektronik

Aber nun zu den Sachen selbst. Als sei es gewollt hat sich auch in diesem Monat die Spreewelle anderthalb Monate Zeit gelassen. Das klingt entspannt, aber ist es natürlich nicht. Noch schlimmer als Zeitverzug wäre aber die Aufgabe der Ausgabe im wenigstens gefühlten monatlichen Turnus. Deshalb heisst es besser 14 Tage zu spät als nie: Hallo 118.


Ungewohnt viele Worte auf der Metaebene und der zeitliche Verzug verlangen vom neuen Sampler einen andersartigen Einstieg. Kein echter großer Hit eröffnet die Kompilation, sondern eine sehr geschmeidige Vierer-Kombo, eine Melange aus Psych-Rock (nicht erschrecken, klingt schlimmer als es… klingt) mit Tame Impala, kniffligen Softdiscobeats mit Aeble und Artsy Pop von Hot Chip bilden die elegante Rampe für den Abschluss des Quartetts, das vom aktuellen Indiepophype namens The Landing gekrönt wird. Musik für nebenbei statt mittendrin, aber völlig ohne dabei zu langweilen. Oder: Intelligente elektronische Musik ohne ständig auf den IQ der BPMs zu verweisen. Konsens-Electro? Auch okay.

Tame Impala – Let It Happen



Hot Chip – Huarache Lights

The Landing – Then Comes The Wonder

Ganz wie der Opener kommen auch Miami Horror aus Australien. Schon zur letzten Ausgabe steuerte das Four-Piece einen hüftschwingenden Modern Classic bei. Hier gibt es mit „Wild Motion (Set It Free)“ eine weniger retroverliebte, aber ebenso optimistische Pure-Pop-Hymne, die den Rhythmus der vier Vorgruppen nonchalant aufnimmt und die bisherige Grundstimmung verglücklicht.

Miami Horror – Wild Motion (Set It Free)


Der echte Dancefloor – mit tschechischem Bier in der Rechten und Gin Fizz in der Linken – kommt auch vor, wenn auch ein wenig gebändigt. Mit Jupiter z.B., einem weiteren Beispiel für die Vielsprießigkeit der französischen Clubszene.

Jupiter – Sake

Mark Ronson bestimmte schon die letzten Ausgaben. Bereits 2010 kam es zu einer Singleveröffentlichung namens „The Bike Song“, auf die ich durch ein sehr verwirrendes Mashup gestoßen bin. Die etwas krude Vermischung aus 70s Rock, 60s Chick und 90s Groove ist dem Herrn Ronson ja eh sehr eigen. Der Song aber darf auf keiner Fahrradcompilation (keine Sorge, ist nicht geplant fürs Jubiläum) fehlen.

Mark Ronson – The Bike Song

Rock von Pharell, Plop von Cosmo

Nach Beiträgen von Mr. Bird und Usher (ja, Usher! Aber einmal durch den 10er Fleischwolf gedreht und für gut genug befunden), geht es in dieser wirklich sehr bunten Mischung zu Cosmo Sheldrake. Es fällt schwer, den Song „Rich“ genretechnisch zu verorten. Da ist von vielem Alles drin. Herausgekommen ist jedenfalls ein ziemlich unverwechselbarer Zweieinhalbminüter, der im Gedächtnis bleibt.

Cosmo Sheldrake – Rich

Seit einigen Tagen begleitet dank Flux FM ein rockiger Popsong mit sehr eingängigem Refrain mein Frühstücksei (Freunde, macht mal die Heavy Rotation ein bisschen weniger heavy!). Die Band heißt RDGLDGRN und das Gedängel „Doing The Most“. Eine ziemlich befreit aufspielende Auf-die-Nüsse-Nummer. War ja klar, dass hinter dem Arbeitskreis kein geringer als Pharell Williams persönlich steckt. Wer denkt, der Sound sei untypisch für den Hutfanatiker ist, sollte sich mal die bislang erschienenen N.E.R.D.-Sachen anhören.


Kate Nash in schlau

Everybodys Darling ist zur Zeit auch Courtney Barnett.Die etwas verwohnt dreinblickende Australierin ist zur Zeit Favorit einschlägiger deutscher Qualitätsmedien. Nicht ganz ohne Grund. Frisch, feminin, facettenreich sind ihre Texte. Gehoben verplant die Musik. Und herauskommt eine rotzfreche Platte, die auf den Namen „Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit“ hört. Manchmal wird ihr Sound als Punk beschrieben. Allerdings kann man in den poppigen Momenten durchaus auch eine Sheryl Crow heraushören. Wirklich unverwechselbar sind aber natürlich die Texte. Und die werden in fast rappendem Staccato vorgetragen.

Dead Fox (Audio) von
Courtney Barnett auf tape.tv.

Frauen traurig, Engel blau

Im Abspann der Seite 1 eine sehr wohlgesonnene Referenz an den Musikgeschmack junger, lübecker Medizinstudentinnen. Dort, wo die herkommen, gibt es Bars, die Namen wie „Blauer Engel“ tragen. Dazu hört man nachdenklich gestimmte und vornehmlich maskulin interpretierte Pop-Balladen. Von der insgesamt erstaunlich hohen Qualität dieser Strömung war ich selbst überrascht. Neben Enno Bunger und Patrick Richardt (deren Namen aufgrund ihrer Einfachheit fälschlicherweise an gescheiterte DSDS-Aspiranten erinnern), bringt es Gisbert Zu Knyphausen, der auf Seite 2 vertreten ist, ganz gut mit diesem Lied auf den Punkt:


Drama, Baby

Opener für Seite 2 ist der Titeltrack zu Netflix neuer Dramaserie „Bloodline“. Man kann über die in Florida spielende Serie denken, was man mag – allein die Tatsache, dass es endlich wieder ein ernst gemeintes Familiendrama in serieller Form gibt, ist löblich. „The Water Let’s You In“ von Book Of Fears spiegelt ganz gut die Grundstimmung der Serie wieder. Und – interessante Randnotiz – eröffnet mit den selben Akkorden, mit denen sich bei Six Feet Under damals die Rollen des Totenbetts in Bewegung setzten.



Da dies kein Kinoblog ist, fehlt mir die Information, um was für einen Film es sich bei „Die Bestimmung“ handelt. Klar ist allerdings, dass sich für den Soundtrack mit Lykke Li und Woodkid zusammengetan haben und mit „Never Let Me Down“ eine ziemlich gewaltige Ballade fertiggezimmert haben.



Und wie immer gilt: Auch der Rest der Seite 2 hält, was der Anfang verspricht. Matt Simons, Jamie XX in Begleitung des weiblichen Parts von The XX, Zero 7 (oh ja!) im Duell mit Jose Gonzales und Blur z.B. mit dem bislang besten Stück aus ihrem gerade erscheinenden Comeback-Album.

Abschließen will ich aber mit einem Mashup, das gleichzeitig komisch, gut und schrecklich ist.

Cover Location: Löbnitz am (Bagger)see.

Playlist:

[unordered_list style=“number“ number_type=“circle_number“ animate=“no“]
  • Tame Impala Let It Happen Rework
  • Aeble Better By Your Side (ft Tom Aspaul)
  • Hot Chip Huarache Lights
  • The Landing Then Comes The Wonder
  • Miami Horror Wild Motion (Set It Free)
  • Jupiter Sake (Electricity Remix)
  • Mark Ronson And The Business Intl The Bike Song
  • Usher You Make Me Wanna (Rainer + Grimm Remake)
  • Mr Birdq Where Did The Party Go (feat. Greg Blackman)
  • Curtis Harding Heaven’s On The Other Side
  • Cosmo Sheldrake ft Anndreyah Vargas Rich
  • Autograf Dream
  • RDGLDGRN Doing The Most
  • Toro y Moi Run Baby Run
  • Courtney Barnett Dead Fox
  • Herrenmagazin Landminen
  • Enno Bunger Abspann
  • Patrick Richardt Wir Segeln
  • Matthew E. White Rock & Roll Is Cold
  • Bloc Party The Healing
[/unordered_list]

Seite 2

 

[unordered_list style=“number“ number_type=“circle_number“ animate=“no“]
  • Book of Fears The Water Let’s You In
  • Woodkid Never Let You Down (feat. Lykke Li)
  • Matt Simons Catch & Release
  • Will Joseph Cook Message
  • NoMBe California Girls
  • Jamie xx Loud Places (feat. Romy)
  • Astronauts Etc I Know
  • Zero 7 & Jose Gonzales Last Light
  • Osca Smoke
  • Strange Birds Chasing Ghosts
  • Szymon Golden
  • Greg Laswell This Woman’s Work
  • The Decemberists Cavalry Captain
  • Gabriel Rios Song No.7
  • Gisbert zu Knyphausen Melancholie
  • Sam Smith Latch (Acoustic)
  • Red Hot Chili Peppers vs. James Blunt vs. Santana Under The Beautiful Bridge
  • Death Cab for Cutie Little Wanderer
  • Little May Hide
  • Blur There Are Too Many Of Us
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