Wir schreiben: Die offiziell letzten Tage des Sommers. Noch bis Freitag verspricht man uns die Illusion einer meteorologisch besseren Welt. Also: Keine Fragen stellen. Sonnenbrillen aufsetzen, Sonnenmilch auftragen und noch einmal Sonnensongs hören.
 
Nach der Motto-Welle im August bietet der September das typische Spreewellen-Füllhorn. Neben einem kleinen Hiphop-Schwerpunkt zu Beginn, aalt sich die Kompilation hingebungsvoll im sommerversetzten Indiepop, saunawarmen Neosoul und zum Abschluss in einer Melange aus großartigen Balladen, bei denen man nicht mehr zwischen Schweiß und Tränen unterscheiden kann.
 

Ein viertel Jahrhundert Nu Disco

Gehen wir chronologisch vor. Es ist stolze 25 Jahre her, dass sich in Frankreich ein später einflussreiches French-Disco Projekt gegründet hat. Ähnlich wie die Brüder im Geiste von Daft Punk platziert Cassius allerdings alles andere als regelmäßig neue Musik in unseren Playlisten. Mit „Ibifornia“ erschien im September ihr gerade mal viertes reguläres Studioalbum. Flirrende Dschungelrhythmen bilden den Grundton der 10 Tracks, die zwar wie üblich satt produziert sind, sich aber auch einen Teufel um aktuelle Trends in der französischen Disco scheren. Neben Pharell Williams taucht vor allem Cat Power sehr häufig in den Songs auf – und das ist nichts schlechtes. Beim Opener der 137 geht es allerdings um eine Kooperation mit Ryan Tedder, seines Zeichens Chef von OneRepublic – einer Band, die die jungen Leute wohl hören. Tedder sieht aus wie der Autobiograph von Frank Underwood, klingt aber wie der Bruder von Justin Timberlake. „The Missing“ überrascht daher auch in keiner Sekunde. Aber warum auch – wenn’s dermaßen tanzbar ist.
 

 

Zappelnder Soul mit Hiphop-Geschmack zu Beginn

Ähnliche Kerbe: Im November kommt der britische Soulsänger Samm Henshaw nach Berlin. Und vielleicht lohnt sich ein Besuch. Sein recht unkonventioneller Song „Our Love“ verbreitet jedenfalls schon mal gute Laune und läuft bei Filtr.
 

 
Funk, Soul und so Kram – da passt auch die neue Veröffentlichung von Jamie Lidell gut ins Muster. „Building A Beginning“ heißt die Platte, die im Herbst eintrifft. Vorab gibt es nicht DEN Hit, aber eine ganz gute Essenz dessen, was Lidell ausmacht: Intelligenter, moderner Soul, der ohne Effekthascherei die richtigen Hebel drückt. Nicht umsonst wird der Allrounder gern mal mit Prince verglichen.
 

 
Der folgende kleine Block ist eine kleine Reminiszenz an die (schon wieder) großartige Netflix Serie „The Getdown“. Hiphop? Ist doch tot, oder? Ja, so halb. Und deshalb beschäftigt sich die Show auch lieber mit den Anfängen des Genres als auf Tuchfühlung mit der Gegenwart zu gehen. Denn die (Vergangenheit) ist nach wie vor das spannendere Zeitkontinuum des schwarzen Ghettosounds. Wie aus der Hochphase des Hiphop ausgeschnitten klingen z.B. Remi Feat. Sampa The Great oder eben die Instrumental-Hopper von Guts.
 

 
Das. Ist ein fetter Beat. Die Lässigkeit der vorgetragenen Rhymes brachten das Langzeitgedächtnis in Schwung – und sind schuld daran, dass endlich mal Lucy Pearls „Don’t Mess With My Man“ die Spreewelle beehrt. Für mich eine der größten underestimatetsten Songs dieses Segments aus den späten 90ern. Der Bass, alter.
 

 

Good Times are coming. To an end.

Dann aber Kehrtwende. Zurück ins jetzt. Zurück zum Handgemachten. Unter anderem mit dem hymnischen „Into The Night“ von Jeremy & The Harlequins und Matt Costa herrlich ironischen Feelgood Song „Good Times“ (auch wenn eben jener aus dem Jahr 2013 stammt – aber sehr gut in die Ausdemurlaubwiederkommen-Stimmung des Mitt-Septembers passt).
 

Good Times – Matt Costa from Brushfire Records on Vimeo.

 
Oh Pep! und die sehr treffsichere Gabrielle Aplin vertreten in der Folge sehr eindrucksvoll, wie das Genre Female Indiepop (ist es frauenfeindlich, ein solches in iTunes zu haben?) zu klingen hat.
 

Gabrielle Aplin : Sweet Nothing from Joe Connor on Vimeo.

 

Home, sweet Home: Neues von Lisbeth und über Lisbeth

Zum Ende der Seite 1 pflegen wir das Thema Heimatmusik. Von wegen Lisbeth ist eine famose Band. Das ist dem versierten Spreewelle-Hörer im Jahr 2016 schon klar geworden. Mit ihrer neuen Single „Bitch“ hat das Berliner Projekt noch mal eins drauf gelegt. So lustvoll deutschen Indiepop vortragen, das gabs lange nicht.
 

 
Dass die Höchste Eisenbahn sowas in derart auch beherrscht, ist kein Geheimtipp. Dieser Tage erscheint der neue Longplayer „Wer bringt mich jetzt zu den Anderen“. Statt der Single „Blumen“ gibt es nicht nur weil es auf der Playlist so lustig aussieht: „Lisbeth“.
 

 

Füllt die Lücke Li: Jennie Abrahamson

Seite zwei startet mit dem kühlen und schönen „Rising Water“ von James Vincent McMorrow. Im Anschluss: Achtung Ohrwurmalarm. Und der kommt – natürlich – aus Schweden. Jennie Abrahamsons „Hard To Come By“ wurde schon 2011 veröffentlicht, erhält aber erst jetzt das dringend erforderliche Airplay von Flux FM. Die Nummer könnte 1:1 auch von Lykke Li stammen. Und gabs schon vor dem zum Erbrechen gerimixten „I Follow Rivers“. Vielleicht ist es also nicht nur Pech, dass Mdme Abrahamson vor 5 Jahren aufmerksamkeitstechnisch den Kürzeren zog. Völlig Wurscht: Der Song kriegt ne 1 Plus.
 

 
Einen kurzen Ausflug zum momentan sehr angesagten Neosoul erlauben wir uns dann. Anderson .Paak (sic!) steuert sein sehr gefühlvolles „The Bird“ bei, und Frank Ocean „Pink White“. Der hat ja gerade sein lang erwartetes neues und noch neueres Album rausgebracht. Dadrauf zu hören: Wenig Spreewellentaugliches – aber viel Großartiges. Dringende Empfehlung, sich „Blonde“ mal in aller Ruhe von vorne bis hinten anzuhören.
 

 

Superband im Supermarkt

Große Freude in E.Leclerc an der französischen Atlantikküste. Nein, nicht der viele Fisch, die zehntausend Joghurtsorten oder die endlosen Rotweinregale steigerten die Stimmung (allein). Sondern das, was aus den Dudel-Lautsprechern herauskroch: HONNE! Ja, tatsächlich. Dieses sehr sympathische englische Soul-Duo, das die Spreewelle seit mehreren Ausgaben ausführlich für ihren Sound und ihre Melodien ehrt, hat es irgendwie nach Südwest-Frankreich geschafft. Die Belohnung: Eine Akustikversion von „Good Together“.
 

 
Als Überleitung zum Schmonzetteneck dient kristallklares Singersongwriting von Owen aus Chicago…
 

 
… und für alle, die The National vermissen: Henry Jamison. „Real Peach“ ist – trotz des zum Glück dezenten Banjos ist ein hervorragend zurückgelehnter Song. Und Supersongwriting. Höhepunkt ist die erste Bridge, sowie die kurze Verzögerung bei der zweiten Zeile im Refrain.
 

 

Große Gefühle im Gotteshaus

Ich versprach große Balladen. Und hier sind sie. Nummer 1 ist dem Soundtrack zum bereits erwähnten The Getdown entlehnt. Wie Herizen Guardiola als Mylene Cruz da in der ersten Folge engelsgleich in der Kirche „Be That As It May“ singt, begleitet von Ezekel am Klavier – das ist so lange schön, wie die erste Strophe dauert. Danach ist es einfach nur noch zum Heulen großartig.
 

 
Zwei große Cover gibt es auch noch: Einmal eine herzerweichende Interpretation von Kate Perrys „The One That Get Away“ und einmal eine höchst inspirierende Neufassung von Blacks „Wonderful Life“. Schon zwei Jahre alt, aber großes Kino. Auch Tom Rosenthal, Hozier, Hein Cooper und Luke Sital-Singh sollen noch namentlich erwähnt sein, sie runden das zweite melancholische Drittel der Seite 2 hervorragend ab.
 

 
Wer dann noch Luft im Loft hat, beschäftigt sich mit de, experimentellem Dreierpack am Ende. Zum Beispiel mit der neuen Platte von Bon Iver. So wenig zugänglich wie die Namen der Tracks auf „22, A Million“, sind die Songs zum Glück nicht. Aber Hitmusic Only ist das auch nicht. Zum Glück.
 

 
 
Cover-Location: Mimizan-Plage
 
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  • Cassius & JAW The Missing
  • Samm Henshaw Our Love
  • Jamie Lidell Walk Right Back
  • Remi Feat. Sampa The Great For Good
  • Guts All Or Nothing Ft. Lorine Chia & Tanya Morgan
  • Cookin on 3 Burners Settle the Score
  • Fatback Band (Are You Ready) Do The Bus Stop
  • Lucy Pearl Don’t Mess With My Man
  • Tahiti 80 Heartbeat (Cornelius Remix)
  • Roosevelt Hold On
  • Jeremy & The Harlequins Into The Night
  • Matt Costa Good Times
  • Saint Raymond Fall At Your Feet
  • Oh Pep! Doctor Doctor
  • Gabrielle Aplin Sweet Nothing
  • Abay 1997 (Exit A)
  • Von Wegen Lisbeth Bitch
  • Die Höchste Eisenbahn Libeth
  • Seafret Wildfire
  • Seafret Wildfire (Autograf Remix)
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Seite 2

 

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  • James Vincent McMorrow Rising Water
  • Jennie Abrahamson Hard To Come By
  • Frank Ocean Pink White
  • Anderson .Paak The Bird
  • Honne Good Together (Mahogany Session)
  • Jalen N’Gonda When You Call My Name (Mahogany Session)
  • Hozier From Eden (Live Sessions)
  • Owen An Island
  • Henry Jamison Real Peach
  • Alice Kristi?nsen The One That Got Away (Katy Perry)
  • Herizen Guardiola as Mylene Cruz Be It As It May
  • Tom Rosenthal For You To Be Here
  • Jamie Lawson All Is Beauty
  • Hein Cooper Rusty
  • Luke Sital-Singh Letting You Go
  • Smith & Burrows Wonderful Life (Black)
  • Dylan LeBlanc Cautionary Tale
  • KM Their Own Storm
  • Bon Iver 22 (OVER S??N) (Bob Moose Extended Cab VersioN)
  • The Album Leaf Streamside
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