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Spreewelle 158

Spreewelle – Nr. 158: NOW OR NEVER NOW

  |   2018, Kompilationen

Geht’s auch ne Nummer kleiner? Was für ein wahnsinnig überheblicher Monumentaltitel, bitte! Die beiden Opener für Seite 1 und 2 dann mit jeweils deutlich mehr als sechs Minuten Spielzeit. Und schließlich dieses unerhört kitschige Cover mit dramatischem Wolkensonnenuntergang inklusive Möwen!!?. Die Spreewelle 158 hat ein bißchen ’ne Schraube locker. Aber überzeugt zum Glück. Mit einer extrem emotionalen Mischung aus sonnigem Hochgefühl und novembrigem Gefühlsmorast.

 

Bigger than life #1

Ganze 6’16 braucht Metric für den Opener ihres gleichnamigen neuen Albums „No Or Never Now“ – und dabei passiert eigentlich gar nicht viel. Es ist die Essenz des Metric-Sounds: Glücklich machende Harmonien, voluminöse Instrumentation und die Stimme von Emily Haines, die sich lustvoll um die gerade mal drei Akkorde windet. Ein hypnotisierender Loop Indie-Pop, der nicht langweilig wird.
 

 

Bigger than life #2

Wir zerschnippeln mal die herkömmliche Beipackzettel-Dramaturgie und schalten direkt zum Opener der zweiten Seite. Der wird spendiert von den White Lies. Die Briten werden im Februar 2019 ihr fünftes Album veröffentlichen und dies sinnigerweise „Five“ taufen. Das Trio feiert dann auch gleichzeitig das zehnjährige Jubiläum ihres Erstlings „To Loose My Life“ und das fünfzehnjährige Bandbestehen (und kommt am 03. März nach Berlin). Alles uninteressante Eckdaten. Denn die Vorab-Single „Time To Give“ ist mit großem Abstand das Beste, was die White Lies jemals rausgehauen haben. Zu dem 7’35-minütigen Epos hab ich schon vor dem ersten Refrain eine intensive Beziehung aufgebaut. Einfach ein großer, großer Rocksong.

You turn to me
I say „What’s there to talk about?“
Over fifteen years we’ve talked about it all

 

 
Damit sind die beiden großen Säulen der 158. Ausgabe gesetzt. Eine kleine Hörwarnung sei vorausgeschickt. Während auf der ersten Seite das Thema Emotionalität durchaus auch mal positiv interpretiert wird, benutzen die 20 Songs der zweiten Hälfte auffällig häufig Schwarz als Primärfarbe. Das ist dann auch nicht unbedingt immer leise, wie es der Beitrag von Death Cab For Cutie andeutet. Eine Band, die ich schon komplett abgeschrieben habe, die sich aber mit dem ungemein atmosphärischen „Summer Years“ fulminant zurück ins Herz gespielt haben. Der zappelnde Beat, die magenwandbewegende Bassline und der tieftraurige Refrain: Cool.
 

 
Schon im vergangenen Monat bekamen die Leoniden aus Kiel Airtime auf der Spreewelle. Nun ist auch ihre zweite LP erschienen. Auf „Again“ beweist das Quintett, dass ihr Debut kein Zufall war. Ihr Beitrag für Seite 2 beginnt recht handzahm mit schnurgeradem Schlagzeug und Kinderchor, entfaltet aber im Refrain seine ganze Wucht. Muss man sich wohl auch mal live ansehen.
 

 
Neues, ungewohnt elektronisches Material kommt von den Shout Out Louds („Up The Hill“) und liefert soundtechnisch die Möglichkeit mit Notwists „Trashing Days“ einen Oldie abzufeuern. Deutlich ruhiger wird es dann erst zur Mitte und zwar mit einer Wienerin, die im Januar 2009 mal Band des Tages im Guardian war. Anja Plaschg bringt dieser Tage ihr drittes Album raus, das auf den Namen „From Gas to Solid / you are my friend“ hört. Dadrauf gibt es zum Glück wenig neues: Der Sound von Soap&Skin bleibt: Düster und erhaben.
 

 
Um die Laune noch mal etwas zu heben, ein Blick zurück zur Seite 1. Auf die bereits erwähnte Eröffnungszeremonie von Metric folgt Eliza Shaddad. Die kommt am 11.12. in den Privatclub und wird da unter anderem „Just Goes to Show“ spielen. Der Song – und speziell die Bridge – passt mit seiner stoßsäufzenden Lebensanprangerei wie geschnitzt in die Stimmungslage der 158. Spreewelle.
 

 
Aber eigentlich ging’s mir ja zum Schluss ums Aufhellen. Das übernimmt u.a. Razorlight mit dem frechen, selbstreferentiellen „Got To Let The Good Times Back Into Your Life“, das wie 15 Jahre alt und gleichzeitig ziemlich gut klingt.
 

 
Was passiert noch? Muses leicht sonderbarer Ausflug in den Synthiepop wird dokumentiert („Pressure“) und die immergute Robyn bekommt den zweiten Play aus ihrem aktuellen Album („Ever Again“).
 

 
Und schließlich: Eine Menge flockig-emotionale Beiträge zur Auflockerung. Ob von Spreewelle-Debütanten wie SYML, Boy Pablo und Some Sprouts oder von beliebten Wiedergängern wie Kurt Vile, Peter, Bjorn & John und Parcels. Den letzten Ton hat hier und heute aber Nathan Ball. Einfach, weil sich so der Kreis schließt. „All Or Nothing“ heißt der Song und klingt wort-wörtlich damit ähnlich dramatisch wie der titelgebende Metric-Track. Allerdings verliert das etwas an Dramatik, wenn man die Zeile zu Ende hört. Ball singt nämlich, begleitet von luftigen Gitarren und tiefenentspannten Basslinien „All Or Nothing – For A While“. In diesem Sinne. Take it easy und kommt gut durch den November.
 
 
Coverfoto: Spreewelle
 
 
 

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