SPREEWELLE 166

… UNLESS YOU CHANGE

VÖ: 14.19.2019
Coverlocation: Faro

Alles auf Anfang. Die Spreewelle ist natürlich stolz auf die 166 Monate und auf die rund 6.000 handgepflückten Songs, die in den letzten bald 15 Jahren im monatlichen Rhythmus zusammenkompiliert wurden. Und trotzdem, der Titel deutet es an: It’s time for a change. Die Gründe im Klappentext. Die Songs auf Spotify.

Teaser

Knallhart reduziert bei gleicher Qualität

Richtig gehört. Obwohl. Bislang habt Ihr ja noch gar nichts gehört. Dazu kommen wir wie immer gleich. Aber vorab: Die Spreewelle fasst ab sofort nur noch 20 Tracks. Bis gerade eben standen an dieser Stelle viel zu viele überflüssige Zeilen der musikgesellschaftlichen Selbstreflexion. Von Medienwandel und Danielwandel war die Rede. Im Dienste des interessierten Lesers, der ja zuallererst Hörer ist, sparen wir uns diesen Text und schreiben einfach auf, dass 20 Songs eine Playlist runder, klarer und pointierter machen. Und zukünftig viel einfacher die Möglichkeit geben, Schwerpunkte zu setzen. Die erste Welle der neuen Ära bemüht sich um einen leichten Übergang und spielt statt eines verkopften Konzepts die musikgewordene Argumentation für den neuen Minimalismus ab.

All the ladies!

Sehr sanft ebnet die großartige Rosie Lowe aus England den Weg in die Spreewelle 166. Von ihrem zweiten Studioalbum „YU“ stammt das samtige „The Way“, das den Hörer mal körperbetont einlullt, mal keck auf die Tanzfläche schiebt.

Nach dieser zarten Einführung zieht das neunköpfige Bandprojekt Fieh ordentlich das Tempo an. Handclaps, Bläser und eine Frau, die  „All these old men cannot tell me what to do“ singt. Coolster Track der Welle. Und gleich danach: Der mittlerweile dritte Track aus Lizzos Debutalbum „Cuz I Love You“. Beim wahnsinnig aufgekratzten „Water Me“ geht es wie eigentlich immer bei der Ausnahmeerscheinung Lizzo um Body Positivity, Selbstliebe und Freiheit.

Feel Coolins?

Wow, was ne Verrenkung da in der H2. Sorry, aber Francis Farewell Starlite klingt in „Why Not?“ tatsächlich ein wenig nach dem Genesis-Frontmann. Nur eben etwas Cooler. Und im hochmodernen Dancepop-Kostüm. Boys Noize zeichnet dafür verantwortlich. Atmosphärisch und herrlich tanzbar.

Ähnlich wie RDGLDGRN aus Washington. Nur geht es in ihrem Song (den ich für einen der besten Hiphop-Tracks des Jahrs halte), genau um das Gegenteil: „I’m tryna hit the dance floor – But the people don’t dance no more“. Das Leid des DJs auf sämtlichen Ü40er Partys. „… aber wir haben uns alle super unterhalten“.

Mama Mia!

Gerade das 20-Jährige Band-Bestehen gefeiert, immer ein garantierter Startplatz auf besagten Ü40-er Partys und nun ein Comeback im Gepäck: Mia. ist zurück. Im Januar erscheint „Limbo“ und schon jetzt gibt es mit „Kopfüber“ einen sehr schmackhaften Appetizer. Die Single bietet Mia. Signature Lyrics kombiniert mit stampfenden, energiegeladenen Sounds und kann es locker mit den Evergreens „Tanz der Moleküle“ und „Hungriges Herz“ aufnehmen, auch und gerade weil sie zunächst ganz anders klingt.

Junge deutsche Lieblingsband der 166 ist Rikas aus Stuttgart. Gerade mal 24 Jahre sollen die vier Jungs sein, „Crazy“ klingt dabei aber deutlich reifer – und vor allem musikalischer. Vielleicht das einzige Manko, das Rikas mit gar nicht wenigen Bands teilen, die es irgendwie an die bundesdeutsche Oberfläche geschafft haben: Alles ein bisschen zu gut. Alles ein bisschen zu glatt (vgl. Leoniden). Aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

Die eierlegende Wollmilchsau

Wie frischer Feel Good Indiepop klingen kann, ohne „zu musikalisch“ zu sein, zeigt Ten Tonnes aus Hertford. Sehr locker aus der Hüfte, dieses „Lay It On Me“. Im C-Teil hört man dann doch die Gene raus: Tonnes ist der kleine Bruder von George Ezra, der es mit dem Pop immer ein wenig zu weit treibt.

Reinrassiger und ordentlich schnoddriger Indiepop – dafür ist in 2019 Sports Team scheinbar ganz allein verantwortlich. Die hauen wirklich einen Hammer nach dem nächsten raus – auch „Fishing“ ist wieder so ein mitreißend zwingender Hit.

Die Cold War Kids gehören im weitesten Sinne zum 2005er Cluster, das Sports Team auf erfrischende Weise zitiert. Die Kalifornier zitieren sich selbst zum Glück nicht – das geht auf Dauer ja auch auf die Nerven und führte – so vollzogen – ja auch für 90% der damaligen Meisterklasse schnurstracks in die Belanglosigkeit. Die Cold War Kids machen’s anders und klingen auf der neuen LP „New Age Norms, Vol. 1” keine Spur mehr nach der bluesigen Variante des New New Wave. Sondern nach Sunshine und Soul.

Das Outro

Der neuen Lässigkeit der Cold War Kids schließen sich dann Pomplamoose an mit einem sehr linientreuen Cover von Tears For Fears „Everybody Wants to Rule the World“. Klingt nach einem respektvollen Update und widersteht zum Glück der Versuchung, den Song komplett umzukrempeln.

Schreckliche Serie, gute Musik: Modern Love strapaziert die Nerven seine Zuschauer auf Amazon Prime mit völlig bescheuerten bzw. haarstäubend beknackten „Szenen der Liebe“. Toll hingegen ist die Songauswahl. So schaffte es Gaz Coombes auf die Spreewelle mit dem wirklich adretten „The Girl Who Fell to Earth“.

Der Nachklapp

Das neue Spreewellen-Format geht dann Richtung Bett mit einer alten bekannten, nämlich mit Zero 7. Das Ambient-Duo aus England hat uns vor 20 Jahren mit „Waiting Line“ hypnotisiert. Das Konzept leierte über die Jahre etwas aus. Als Schlafmittel für die aufwühlende neue Welle hingegen taugt das gerade erschienene „Swimmers“ immer noch ganz gut.

Den Schlussakkord setzt Twin Shadow mit dem wunderbar getragenen „Runaway“. Darin kommt dann auch die titelgebende Zeile vor „Nothing’s gonna change unless you change“…

Die Playlist bei Spotify


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