SPREEWELLE 172

WIESO

VÖ: 02.10.2020

Die 172. Spreewelle leutet mit routinierter Verspätung den Herbst ein – und damit die letzte Strecke eines katastrophal verrückten Jahres. Für eben diesen letzten knapp 90 Tage gibt es 40 Durchhalteparolen. Ein „Godspeed“ bis 2021: Gute Reise und viel Glück.

Teaser

New Year’s Eve, don’t it seem Like decades ago?

Zäumen wir das Pferd von hinten auf. Wer sonst kann den Irrsinn dieser Zeit besser in Worte und Akkorde packen als Spreewelle Darling Ben Folds? Dem war im Sommer so langweilig wie allen, er setzte sich an sein Instrument und zimmerte 2020. Kein Protestsong, keine Wut. Nur die große haarsträubende Verwunderung über den täglichen Nachrichtenwahnsinn. „How many years will we cram into one?“ Und das war im Juni.

Wishing you Godspeed

Wir bleiben kurz auf Seite 2 und beim titelgebenden „Godspeed“, einer minimal instrumentierten Frank Ocean Coverversion von James Blake. Wie bereits mehrfach erwähnt tut sich eben dieser immer ein Gefallen, wenn er sich auf seine Stimme und seine Hände verlässt und die Regler Regler sein lässt. „Godspeed“ klingt in Blakes Version intimer und eindringlicher. Nachdem der Brite bereits Billie Eilish und Nirvana in der Coronazeit gecovert hat, ist dies schon seine dritte Neuinterpretation. Vielleicht mal Zeit für ein gesamtes Coveralbum?

Jetzt mal raus

Ebenfalls Corona ist zu verdanken, dass Seeeed mit „Hale Bopp“ eine neue Single rausgebracht haben, obwohl sie ja eben erst mit dem äußerst durchschnittlichen „Bam Bam“ nach längerer Pause wieder was von sich hören ließen. Da letzt genanntes Album aber nur 33 Minuten dauert und außer „Ticket“ wenig Erhellendes zu bieten hatte, ist es folgerichtig, in 2020 einfach mal nachzulegen. Hale Bopp hat genau die Leichtigkeit und den lyrischen Spaß, der bei den ganz großen Seeed-Songs immer zu überzeugen wußte.

Richtig machen

Irgendwo zwischen Paul Simon und Vampire Weekend lassen sich Cassia verorten. Die lässig plätschernde aber dabei irgendwie angenehm unrund klingende Single „Do Right“ ist ihr Spreewelle Debüt. Sehr wahrscheinlich wird es nicht ihr letzter Auftritt. Zweiter Lieblings-Newcomer aus dem nicht-deutsch-sprachigem Ausland: The Magig Gang. Ihr Label attestiert der Band „lebensbejahenden Slacker-Pop-Hymnen“. Man könnte einfach sagen: Sauguter, vorwärtsgewandter Indiepop.

Germany: 12 Points

Das dritte Mal in Folge, dass das Herzstück der ersten Seite von deutschen Bands bestritten wird. Die Band SIND machte unter anderem mit dem nicht unlustigen Titel „Mi Wifi es su Wifi“ auf sich aufmerksam. Jetzt im Oktober scheint ihr zweites Album. Und mit „Welt verändern“ haben sie ihren bislang kraftvollsten Song aufgenommen. Das erinnert an Frittenbude und OK Kid (weshalb beide Interpreten auch gleich mit dabei sind) – und ein klein wenig an Punk. Auf jeden Fall besitzt „Welt verändern“ eine absolut mitgröllenswerte Hookline des Jahres.

Noch nicht ganz so weit wie SIND sind Schatzi. Das Trio besteht aus den Brüdern Jeremias und Yannic Koch und dem Sänger Julian Schatz – was den etwas sonderbaren Bandnamen rechtfertigen dürfte. Weniger stürmisch und deutlich schwerer einzuordnen als SIND ist der Sound der Band. „Cineastischer Nouvelle-Vague-Pop“ vielleicht? Auf jeden Fall unheimlich reif, unheimlich großspurig und unheimlich gut. Außer den Mitgliedernamen ist bislang wenig über Schatzi bekannt. Seien wir gespannt auf den 23. Oktober. Da erscheint ihre Debüt- EP „Animalia Parc“.

Nach diesen zwei Frischlingen ist es Zeit für was Altbekanntes. Get Well Soon, das Musikprojekt rund um Konstantin Gropper überraschte im Juli mit der Single „Funny Treats“. Dauert ziemlich genau bis zum Refrain bis man denkt: Warte mal, warte mal. Diese vier Takte da, alter, woher kenn ich die? Um das Verwirrspiel aufzulösen: Es handelt sich um die Titelmelodie von Netflix Deutsch-Produktion „How To Sell Drugs Online (Fast)“. Schon für die erste Staffel komponierte Gropper die Musik, also auch das Theme. Laut eigenen Angaben entstand der gesamte Song um die besagten vier Takte erst ein Jahr später. Und pünktlich zum Release der (übrigens sehr sehenswerten) zweiten Staffel ist nun der „Song zur Serie“ in voller Länge zu hören.

Früher war alles besser

Bei all dem pandemischen Wahnsinn bietet die Herbstwelle ab Mitte der ersten Hälfte Eskapismus pur. Sorgenfreier Indiepop, bei dem es ums Ego, um die Liebe oder um das Leben (ohne Corona) geht. Ein wenig zufällig stolperten sich die Songs zusammen, aber jetzt so in der Reihe habe ich das Gefühl, dass das ein sehr gutes homöopathisches Mittel gegen den Weltfrust dieser Tage sein kann. Es treten auf: Die Kooks im Duett mit Österreichs Filou und einer supersoften Spätsommermelodie, Albert Hammond Jr. als Begleitung von The Struts, die zusammen in Another Hit Of Showmanship wie die ganz jungen Killers klingen, Badly Drawn Boy, der nach 10 Jahren das erste Mal wieder auf der Spreewelle singt und gewohnt hastig viel zu sagen hat sowie die Iren von The Academic, die allen ernstes ein Lied über „Permanent Vacation“ veröffentlicht haben (to be fair, das war 2018).

Cover Location: Büsum.

Die Playlist bei Spotify

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