SPREEWELLE 177

START/STOP/REWIND

VÖ: 25.03.2021

Eine Ode an das Hamsterrad. Oder den Chaos Corona Club, der sich MPK nennt. Oder an alles, was nicht mehr vor und nicht mehr zurückgeht. Davon abgesehen ist die 177. Spreewelle vor allem eine Kompilation wie ein Apriltag. Im guten Sinne.

Teaser

La-la-la-la-la-la, la-la-la-la-la.

In die sehr abwechslungsreiche 177. geht’s mit einem sehr spaßbetonten Popquatsch. Georgia Buchanan alias Call Me Loop hat mit „Self Love“ ein wahnsinnig arschwackelndes Ding produziert, das die gesamten 2:50 einfach nur Spaß macht. Irgendwo zwischen Lilly Allen und Lizzo ist der Track zu verbuchen und hat offensichtlich auch einige internationale Chartplatzierungen zu verbuchen. Sowas kriegt der Mitvierziger ja nicht mehr mit. Realistischere Source-of-awareness: Eine Netflix-Serie. So wars auch hier. „Self Love“ untermalt eine humorvolle Szene in der ansonsten eher düsteren englisch-amerikanischen Koproduktion „The One“.

Yeah yeah yeah yeah yeah yeah yeah yeah yeah.

Ein wenig mehr Indie, aber nicht minder uffe Zwölf: Friedberg’s Yeah. Auch diese Band tauchte erstmals im Serienkontext auf und bespielte eine leicht beschwingte Szene in „Normal People“. Dieser neue Song stammt aus der frisch erschienenen EP, die nicht „Yeah“ wie dieser Track heißt, sondern sinnigerweise „Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah Yeah“. Megalässig!

Coolness wie aus dem Bilderbuch

Das mit den Zwischenüberschriften können wir leider nicht durchhalten. Denn Bilderbuchs 2021-Rückkehr-Single heißt leider nicht „Aha aha aha aha“. Sondern: „Nahuel Huapi“. Und zack, wieder gelingt den Oberösis ein fetter Hit. Ein Hit mit Fuß auf der Bremse – und mit Tom Petty-Referenzen. Der Song ist tiefenentspannt, lässt aber von der Bilderbucheigenen Coolness nichts vermissen. Schon extrem verwunderlich, dass man den Jungs dieses kauderwelschige, fast alberne Denglisch immer wieder durchgehen lässt. Der Song ist ein Liebeslied. Und er enthält die Zeile: „Cybertrucks, am besten von Tesla“. Bilden Sie sich bitte selbst ihre Meinung.

Irgendwie in dieselbe musikalische Schublade stecke ich ja immer Twin Shadow. Warum? Weil es eigentlich eine Schublade mit doppeltem Boden ist. Mit Indieelektropop hat die gerade erschienene Single von George Lewis nämlich gar nichts zu tun. Sie heißt „Jonny & Johnnie“ und klingt ein bißchen nach Raggae, ein bißchen nach 80er und ein bißchen nach Peter Gabriel. Wie so viele Tracks dieser Ausgabe ist die Single eine Überraschung. Eine willkommene Überraschung.

Plötzlich dunkel

Genauso überraschend dann vielleicht der Cool-Downer, mitten auf Seite 1, wo wir’s uns doch gerade mit einem Gin Tonic gemütlich gemacht haben. Das Kölner Produzenten-Duo Coma hat im Januar „Start/Stop/Rewind“ released. Ein Song, der so unglaublich nach Spreewelle klingt, dass ich dreimal prüfen musste, ob er wirklich noch nicht auf einer der 176 bisherigen Kompilationen enthalten war (ist er nicht). Alles, ALLES, was das Indieelektro-Herz begehrt. Wabernde, harmonische Synthies, ein weicher, durchtrieben-treibender Groove, eine darke Grundstimmung und ein Bass, der so gerne melodisch sein will.

Ähnliche Kerbe: Der aus Hamburg stammende und jetzt in Berlin sich langweilende Monolink. Dessen zweite Single „Other Side“ ist noch mal ein Stück düsterer und dunkler. Der Künstler dazu: „Es ist ein Song, der von der Schönheit und den Gefahren des Unbekannten inspiriert ist“. 

Internationaler Frauentag

Auch eine coole Zwischenüberschrift. Der oben genannte lag ja in der vergangenen Wellen-Periode und ich mag keinen Wortwitz dazu hören. Dass die Spreewelle das extra erwähnen oder sich krampfhaft nach weiblichen Beiträgen umschauen muss, ist natürlich quatsch. Denn das Genderverhältnis hält sich in dieser Reihe mindestens seit 2010 ziemlich genau die Waage. Und trotzdem gibt es dann so Blöcke wie diesen. Mit neuen (weiblichen) Stimmen und neuen (großartigen) Songs. So zum Beispiel „New Woman“ von LÙISA, bislang einer meiner Favoriten für die Beste-Song-2021-Liste. Geiles Michael Jackson – Beat It – Schlagzeug, raffiniertes Arrangement und vor allem große Dramaturgie (achtet mal darauf, wie man immer nach der Bridge dürstet und mal für mal vertröstet wird).

Eher Girls-Day, denkt man erst bei Girl In Red und ihrer sehr aufwühlende Albumankündigung „Serotonin“, die sich weit entfernt von früheren Bedroom-Pop-Attitüden. Produziert hat das kein geringerer als Billy Eilishs Bruder. Und das hört man auch. Hier kommt noch was.

Einkehr

Nach so vielen Aufregungen tut es gut, dass Maximo Parks offiziell drittbestes Album erschienen ist. „Nature Always Wins“ funktioniert das erste Mal seit langem wieder als gesamtes Album. Der aus meiner Sicht beste Track wurde immer noch nicht als Single veröffentlicht. „Versions Of You“ ist wie gemacht für Liebhaber ihres zweiten Albums. Nicht ganz so aufgeregt wie „A Certain Trigger“, aber mit der selben Dringlichkeit vorgetragen. Wenn man zu viel über die Veröffentlichung liest, lernt man, dass es wohl hier um Vaterfreuden geht. Das Schöne an Paul Smiths manchmal rätselhaften Lyrics ist, dass man sich jeden Song bedeutungstechnisch zurechtbiegen kann, wie es einem gerade passt. Und so muss Versions Of You nicht zwangsläufig die Verwirrung über das schnelle Heranwachsen des eigenen Kindes beschreiben, sondern kann genauso gut von der Vielschichtigkeit und Schwerfassbarkeit ganz anderer Beziehungen berichten.

CD 1

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