Cover Spreewelle 182

SPREEWELLE 182

VOM FEELING HER

VÖ: 01.10.2021

Ziemlich nebenher kompiliert. Und in der finalen Redaktionssitzung fast vom Hocker gefallen. Die erste Herbstwelle des Jahres ist ziemlich gut drauf und weht einem den Parka vom Leib. Gut, dass man sich auf Seite 2 ausruhen kann.

Was die Goldie Hawn- und Kurt Russel-Look-a-likes auf dem Cover machen? Sie haben’s halt einfach geschafft.
Was für 1 Leben.
#lifegoals.

NEVER
MISS A
THING!

Komm, wir gehen wieder aus

Die Seite Eins möchte gerne mit uns tanzen gehen. Und wie es sich für eine Discodramaturgie gehört, geht es erst einmal um die richtige Stimmung. Wie an einer Perlenkette reihen sich als Warmup zunächst drei Retrosoul-Knaller nacheinander auf und leuchten schon mal dezent den Tanzflur aus. Dass Crooner ein mindestens zwittriges Wort ist und damit alle Geschlechter dieser Welt benennen kann, beweisen Joy Crookes, Celeste und Kimberose direkt hintereinander.

Sheesh!

Aber wir wollen uns auf zu wohligem Wohlklang nicht ausruhen. Als Brücke zum Höhepunkt fungiert SAULT und ihr fiebriges „Free“ – definitiv der derbste Basslauf des Jahres, der dann auch folgerichtig 192 mal wiederholt wird. Man merkt, es wird ernst. Die Tanzfläche, sie füllt sich. Vielleicht schon bei der immer wuchtig-brummenden Lizzo, die es dank der Kollabo mit Cardi B wohl nun ganz offensichtlich und endgültig in den Mainstream geschafft hat. „Rumors“ ist ein fulminantes Brett – mit Cardi B’s typischem triolischem Sprechgesang, Lizzos entfesselter Power und sogar einem hysterisch gehauchten „Sheesh“ (wow, ich hab das auf Anhieb richtig geschrieben!) ganz am Ende. Wer übrigens nicht weiß was das heißt, der kann es bei den was die Jugend angeht immer sehr gut informierten Stuttgarter Nachrichten nachlesen.

Feelingsgefühle!

Den titelgebenden Superhit liefert dann zur Albummitte der einzigartige Fatoni. Pünktlich zum Lock-Off hat er in Zusammenarbeit mit Dexter einen herrlich stumpfsinnigen Partysong rausgehauen („Ich steh im Club – wie ein King – Seh‘ ziemlich nice aus – guck mich an – Ah wobei, die Schuhe – Wieso? – Ne scheiß drauf, ich seh‘ nice aus – Nice, ja – Alles Iced-Out – Iced-Out“). Bisschen geklaut bei Crystal Waters einerseits und Pharell Williams andererseits. „Ich hab vom Feeling her ein gutes Gefühl“ zitiert Andreas Möller und möchte man wieder und wieder hören. Und zwar nicht zu Hause. Sondern draußen.

Pop ist das neue Indie

Wie es sich für einen guten Disco-Abend gehört, klopft dann irgendwann die Indiefraktion an – und will Gitarren hören. Die kommen auch, aber müssen sich noch einen Moment gedulden. In den Kommentaren zu Rick Beatos jüngstem Reaction-Video zu den Top 10 Alternative Tracks des Monats gab es eine nachvollziehbare Diskussion darüber, dass sich die Genrebezeichnung „Alternative“ ziemlich krass gewandelt hat. Sinngemäß stand da: „Pop now means hip-hop and Alternative now means Pop“. Da ist was dran. Die beiden folgenden Bands feiern mit ihren Beiträgen jedenfalls den Samstag Abend und waren tatsächlich in den besprochenen Charts vertreten. Sie firmieren unter Alternative. Und klingen mega nach Mainstream. Aber na und? Is schlimm, wenn Alternative zu Mainstream wird? So wie der Kampf gegen die Klimakrise?

Der 80s Beat

Über den Weg vom Indie zum Mainstream können Coldplay mehrere Lieder singen. Ich hab ihnen ihren Richtungswechsel längst verziehen. Was die Band um Chris Martin seit nun auch schon wieder mehr als 10 Jahren machen hat mit „Trouble“, „Yellow“ oder „Amsterdam“ nix mehr am Hut. Umso erstaunlicher, dass sie bei ihrer jüngsten Entwicklung scheinbar wieder eine neue Tür gefunden, geöffnet und durchgeschlüpft sind. „Higher Power“ ist ein funkelndes Stück Musik – mit aufgreregtem 80s Beat, toller Dramaturgie und himmelhochjauchzenden Harmonien. Den Beat übernimmt dann Betterov. Sein Song „Dussmann“ handelt vom Selbstmord im Kulturkaufhaus und bietet ein paar der lustigsten Songzeilen des Jahres („Gott hat für das alles nur 7 Tage gebraucht und ich finde, so sieht’s hier auch aus“). Und direkt im Anschluss: Der Song „Better Off“ von den Some Sprouts – als kleiner wortspielerischer Spaß und als Überleitung zum Urlaubspack.

Urlaubsgrüße

Die 182. Spreewelle ist ja heavily inspiriert vom Frankreich-Urlaub. Nicht nur die beiden Schönheiten des Covers haben damit zu tun. Auch Wandas bislang bester Hit. Abgesehen von „Bologna“ vielleicht. Eigentlich mag ich die Band nicht mehr. Zu schwitzig, zu dumpf irgendwie. Aber ihre neue Single „Die Sterne von Alterlaa“ ist mal wieder was anders – und klingt nach konserviertem Urlaub. Klingt extrem verdächtig nach… mist, ich komm nicht drauf. Ihr?

Ein ganz ähnliches Feeling (da isses wieder) gibt’s im Duett „Lisbon“. L’aupaire und lùisa stellen sich vor, wie es wäre, einfach mal den Nachtzug nach Lissabon zu nehmen. Sehr einfach. Sehr schön. Mit diesen urläubigen Grüßen verabschiede ich mich und weise mit Nachdruck auf die Seite 2 hin. Die wurde tutti kompletti auf dem Hin- und Rückflug kompiliert. Man hört diese angenehm schläfrige Trägheit der Tragflächen auch irgendwie heraus.


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