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Sollte eigentlich im „edlen Schuber“ erhältlich sein: Die erste Timetainment-Ausgabe der Spreewelle

SPREEWELLE

1978

VÖ: 09.01.2022

Einen Jahresrückblick für 2021 kann jeder schreiben. Nur lesen will ihn keiner. Deshalb wagt die Spreewelle zu ihrer 185. Ausgabe einen Stunt. Wir spulen einfach noch weiter zurück. Zu einer Zeit, in der es weder Corona noch Internet gab. Die Challenge: Wie sähe eine Spreewelle im Jahr 1978 aus? Unfassbar gut, so viel verrate ich schon im Vorspann. Jetzt aber: Rein in die Doktorarbeit.

NEVER
MISS A
THING!

Die Gemengelage

1978 also. Ein halbwegs zufällig ausgewürfeltes Jahr. Dass die späten 70er nicht nur wild waren, sondern auch düster, beschreibt der folgende, extrem dystopisch wirkende Nachrichtenrückblick der ARD ?. Aus Spreewellenperspektive war 1978 ein extrem interessantes Jahr, weil es sich um eine popmusikalische Zeitenwende handelte. Das letzte Zucken der mächtigen Discowelle, das Erwachen des schmutzigen New Wave,  die ersten Andeutungen der digitalen Achtziger. Und über allen: Die Unsterblichkeit von übergroßen Popstars.

Der Opener

Wie pophistorisch relevant 1978 war, sieht man an den Tracks, die es nicht in die Top 40 geschafft haben. „Stayin‘ Alive“ von den Bee Gees, „Love Is In The Air“ von John Paul Young oder „Das Lied der Schlümpfe“ von Vader Abraham, das laut Media Control die erfolgreichste Single des Jahres war – in Deutschland.

Wir starten mit Queen. Ihr Album „Jazz“ erschien im November und beinhaltete das Powerhouse „Don’t Stop Me Now“. Die dreineinhalb Minuten 100% sind einmalig in der Popgeschichte und nichts passt so richtig davor und dahinter. Und so haben sich Queen die Poleposition dieser Kostümparty verdient.

Passt gut zur Marke: New Wave

Über The Police und Blondie hangeln wir uns zum New Wave-Block. Dieses Genre, das seinerseits auf den Punk Rock folgte, war ja Blaupause für so viele viele Bands unserer Generation. Franz Ferdinand, The Strokes, Interpol, Le Tigre – sie alle besannen sich Mitte der 2000er auf die New Wave-Epoche der späten Siebziger und frühen Achtziger. Wahrscheinlich nicht wenige von uns haben The Undertones oder Buzzcocks häufiger mit Milchschaum um die Lippen in den supersoften Bossanova-Versionen der Band Nouvelle Vague gehört als in ihren rotzigen Originalen.

Der weirde Trend: Raggae

War es Zufall oder hatte es eine tiefere Verbundenheit? Die beiden einzigen und bekanntesten Rock-Raggae-Nummern jeder halbwegs gut laufenden 40. Geburtstagsparty kommen aus unserem Schicksalsjahr. 10cc mit „Dread Lock Holiday“ und „Uptown Top Ranking“ von Althia & Donna geben dem Jahresrückblick eine karibische Note – und erinnern auch milde an die entfernte Verwandtschaft von Raggae und Punk.

Die letzten Takte Disco

Die Blütezeit des Disco ging mit dem langsam auslaufenden Jahrzehnt ihrem Ende entgegen. Doch 1978 kam man um ABBA, CHIC und Cheryl Lynn nicht herum. Fast jede in diesem Jahr veröffentliche Single dieser drei Acts rekelte sich aufreizend auf den vorderen Plätzen der internationalen Charts. Und so gab es die Qual der Wahl, welche Single man z.B. von ABBA den verdienten Platz gibt. Gewonnen hat „I Want Your Love“, dessen wahnsinnig pressendes Intro auch in der 78er-Originalversion so klingt, als hätten Daft Punk an den Reglern gesessen. Bei Cheryl Lynn hab ichs mir einfacher gemacht. Sie erklingt gleich auf beiden Seiten der Kompilation. Einmal mit ihrem größten Hit „Got To Be Real“ und einmal mit dem von Toto (!) veröffentlichten „Georgy Porgy“.

Zeit der Superstars

Neben all den genannten nicht gerade unbekannten Namen regierten 1978 auch noch die richtigen Superstars. Billy Joel zum Beispiel, der heute von seinen Landsleuten völlig zu unrecht durch den Kakao gezogen wird, damals aber gerade einen Gigahit nach dem nächsten schrieb und eine Großteil seiner Best Of Compilations mit Futter versorgte. Hier zu hören mit dem luftigen „My Life“ und mit der besten Ballade der 70er Jahre – „Honesty“ auf Seite 2.

Und dann veröffentlichten noch in 1978: The Rolling Stones, Eric Clapton, Dire Straits und The Jacksons. Und zwar nicht irgendetwas aus ihrem Katalog. Sondern jeweils Signature Songs. Die Stones haben es für uns Spätgeborene ja immer sehr schwer. Es ist auch unfair, dass man sie immer gemeinsam mit den Beatles abfragt, einer Band, die man mit gar nichts vergleichen sollte. Die besten Songs der Rolling Stones sind die etwas unaufgeregteren, wie z.B. „Beat Of Burden“ vom 78er Album „Some Girls“.  Eric Claptons Spitzname „Slowhand“ wurde zum Titel seiner im November 77 erschienenen fünften Studioplatte. Die Single „Wonderful Tonight“ zählt zu den besten Rockballaden der 70er. Dass Sir Eric Clapton die Chance ausließ, diesen Song auch auf seinem 92er Unplugged-Album zu verewigen, zeigt, was für einen großartigen Katalog der Kollege in seinem Leben zusammengespielt hat. Zu Dire Straits „Sultans Of Swing“ muss man nichts sagen – ein Meilenstein, perfekt und leicht. Und wenn wir schon beim Korkenknallen sind: Sicherlich ziemlich totgenudelt, aber Blame It On The Boogie wurde nun mal 1978 veröffentlicht. Und ich wage die Voraussage: Auch in Zukunft werden die Enrophine zappeln, wenn die ersten 3 Sekunden erklingen. Egal ob auf dem 30-Jährigen Abitreffen, der Silbernen Hochzeit oder Ommas Beerdigung.

Früher war alles besser

… auch Genesis. Kein Witz. Alle Mitvierziger haben die Band ja eigentlich erst durch die Hintertür kennengelernt. Als „irgendeine alte Band von Phil Collins“, der einfach unausweichlich immer da war zwischen 5 und 15 Jahren. Erst mit dem 14. Studioalbum „We Can’t Dance“ wurde der Bandname der neuen Generation ein Begriff. Dass Genesis bis dahin schon 13 Alben rausgebracht haben und vor allem ursprünglich vor allem als „progressiv“ zu bezeichnen sind, musste man sich erst mühsam anlesen. Oder eben Glück haben und durch Zufall schon zu einem recht frühen Zeitpunkt mit der gesamten Diskographie (auf Vinyl!) in Kontakt kommen. So wie ich. Die Nachbarn waren große Fans und so hörte ich bei den Babysitterabenden stundenlang alles von „Trespass“ bis „Invisible Touch“ (Highlight: „The Lamb Lies Down On Broadway“). Als Dank für die gute Musikerziehung gibt es den Schlussakkord für das 1978 gechartete „Follow You, Follow Me“.

Cover: Themefire / Spreewelle