Home, Sweet Schneckenhaus

SPREEWELLE 187

CONSOLATION

VÖ: 04.04.2022

Die 188. Spreewelle steht ganz im Zeichen des Rückzugs. Schrecken: aus, Schneckenhaus. Bitte keine Überraschungen mehr: Grob geschätzte 90% der ersten Seite wird bestritten von Spreewelle Allstars. Das Schicksal will es, dass scheinbar alle Lieblingsbands der 00er Jahre neuen Wein in alte Schläuchen gepresst haben. Wir nehmen das dankbar auf. Gerade jetzt. Und saugen es auf – das Gefühl, das wir letzten Monat noch vergeblich gesucht haben: Trost.

NEVER
MISS A
THING!

„Wovon lebt eigentlich Peter?“

Das Zitat sei erlaubt. Es war 2006 als Später-und-jetzt-wieder-Ex-Flux-FM-Moderator Winson mit dem gleichnamigen Song einen Überraschungshit landete. Zu der Zeit war Pete Doherty schon fest etabliert in Indiehausen. Zwei Alben mit den Libertines und eins mit den Babyshambles. Und vor allem aber: In aller Munde. Was zum Gutteil an der schlagzeilenträchtigen Beziehung zu Kate Moss lag, an Drogengeschichten, Einbrüchen und Unfällen. Man munkelt, er habe auch irgendwann eine Katze gezwungen, Crack zu rauen. Lirum larum.

Die wilden Zeiten liegen 15 Jahre zurück. Und es ist die größte und allerschönste Überraschung, dass Pete, der jetzt Peter genannt werden möchte, eine Platte aufgenommen hat, die wirklich von der ersten bis zur letzten Note großartig ist.

Und das ist Frederic Lo zu verdanken. Monsieur Lo wiederum ist ein Pariser Komponist und Produzent und bislang keine wirklich große Nummer. Extrem feinfühlig und extrem zurückhaltend hat er dem Herrn Doherty 12 Songs auf den recht füllig gewordenen Leib geschrieben. Das Album „The Fantasy Life Of Poetry & Crime“ wurde in intimer Atmosphäre aufgenommen, Wohnzimmerstyle. Die wundersame Synergie zwischen Lo und Doherty – diese krassen Gegensätze, die gemeinsam etwas Neues schaffen – man hört sie in jedem Song. Und das schönste ist – man kann sie auch sehen. Auf Arte. Dort läuft auf Abruf der Albumfilm.

Man sieht, wie Lo offensichtlich einen klaren Plan verfolgt. Man registriert, wie viel Respekt beide voneinander haben. Man wird Zeuge davon, dass die eigentliche Aufführung schließlich von allen Beteiligten als etwas Besonderes empfunden wird.

Und nicht zuletzt: Wir sehen einen nüchternen und trotzdem zufriedenen Pete Doherty, der klarer und besser klingt als auf allen Aufnahmen der Libertines und der Babyshambles. Für die 188. Spreewelle gibt es den noch leicht melancholisch an alte Zeiten erinnernden Titel „You Can’t Keep It From Me Forever“ als Opener. Auf Seite 2 „Far From The Madding Crowd“, eine introvertierte Pianoballade, die (wie übrigens mehrfach auf der Platte) die Coronapandemie auf Künstlersicht verarbeitet.

Alles wird gut

Ha. Da fiel es dann doch. Das Wort mit C. Peter Doherty ist nicht der Einzige, der die Pandemie kreativ verarbeitet hat. Auch Arcade Fire haben ein paar Takte zu dem Thema zu sagen. Oder besser, gleich zwei Songs. Als Vorgeschmack auf das am 6. Mai erscheinende Album „WE“ veröffentlichten unsere Lieblingskanadier eine zweiteilige Konzeptsingle. „The Lightning I“ und „The Lightning II“ feiern einmal getragen und einmal euphorisch das Ende von Corona, bzw. von dem Gesellschaftsgefühl, das dieses beknackte Virus mit sich brachte und sich schwieriger Abschütteln als eine Testkanüle wegschmeissen lässt.

New Looks, old feelings

Ebenfalls zurück in der Öffentlichkeit: Placebo! Neun Jahre ist ihr letztes Studioalbum her. Das ist ganz schön viel. Da reicht nicht ein geradeaußer Song. Da muss schon ein auffälliger Schnäuzer und ein neues Gebiss für die Pressefotos her, damit Brian Molko die nötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann und man über die 1994 gegründete Band auch wieder berichtet. Hätte es gar nicht gebraucht, „Try Better Next Time“ ist auch so klassisch gut.

Ebenfalls rückbesonnen aufs Handwerk haben sich Bloc Party. Ja, die gibt es immer noch. „If We Get Caught“ heißt der neue Track und erinnert sehr angenehm an die Debut-Singles „This Modern Love” und “I Still Remember.” Leadsinger Kele Okereke sagt, bei diesem Track ginge es ihm um „tenderness in a world of chaos“. Merci. Darum geht es uns auch grad.

Unkaputtbar

Wenn’s hier um Trost geht: Beruhigend zu wissen ist, dass Maximo Park trotz Corona und trotz Putin einfach weiter malocht. Und mit „Great Art“ in 2022 schon wieder eine neue Single veröffentlicht. Ganz ähnlich wie bei der Bloc Party Nummer geht es hier nicht um eine Neuausrichtung. Der Beat ist mittwippbar. Die Lyrics keck. Die Hook einfach. Das reicht heuer, um in aufgenommen zu werden ins Altersheim Spreewelle 188. Ganz ähnliche Diagnose für Metronomy und Big Red Machine. Just go with the flow.

Lagerfeuer statt Lagerkoller

Seite 2 eröffnet mit den sehr wohligen Harmonien von Doppelfinger. Werden übrigens klein geschrieben und kommen aus Österreich. „Knowingly“ ist Lagerfeuer-Folk at its best. Ganz ähnlich wie das etwas schmissigere, allerdings auch schon 10 Jahre alte „Fall In Love“ von Torpus & The Artdirector.

Der sich schließende Kreis

Nachdem wir uns da gerade so reingeschunkelt haben in Seite 2 begegnet uns dann das mittlerweile sehr bekannte Muster der 188: Wohlbekannte Bands, deren Blütezeit wie unsere Wildezeit eher Jahrzehnte als Jahre her ist, zeigen, was sie noch so drauf haben. Das ist jetzt schlecht verkauft. Denn die neuen Töne von Band Of Horses, Palace und Florence + The Machine sind nicht nur aus Gefühligkeit Bestandteil dieser Kompilation. Die sind durchaus auch für sich genommen ziemlich gut.

Cover: viktoriian, Location: unknown

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