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Spreewelle 145

Spreewelle – Nr. 145

  |   2017, Kompilationen

Okay, okay, okay… War wohl ein bißchen zu sortenrein im Mai. Das ist natürlich nur dann ein Problem, wenn man die Sorte nicht mag. Und die qualitative Marktforschung der Spreewelle hat Belege gesammelt dafür, dass das mit dem Funk nicht so durchgängig und zielgruppenübergreifend funktioniert. Also: Für den Frieden und die Kundenbindung besinnt sich die Juni-Spreewelle auf ihre Kernkompetenz. Krebibler Indiepop mit Betonung auf Pop. Nix für Muker, aber für alle, die Musik lieben.
 

Arcade Fire im Glücksrausch

Bester Beleg für die oben formulierte Ansage ist die Antwort auf zwei Fragen, die es gleich im Opener gibt. 1. Gibt es eine bessere Definition von Pop als ABBA? Und 2. Wer repräsentiert Indiepop-Konsens besser als Arcade Fire? Ein Glück, dass die Kanadier mit „Everything Now“ einen ungewöhnlich tanzbaren und vor allem optimistischen Appetizer für das im Juli erscheinende gleichnamige Album ins Netz geworfen haben. Hier der Videobeweis (aber erst ab 00:47):
 

 

Phoenix im Hier und Jetzt

Arcade Fire antworten scheinbar genau so klug wie Phoenix auf die große gesellschaftspolitische Beknacktheit dieser Tage. Mit Wucht, Wille und – künstlerischer Willkür. Während Arcade Fire dem luftig-sorglosen Arrangement von „Everything Now“ ihren typisch dunklen Subtext in den Lyrics verleihen (I’m in the black again / Can’t make it back again / We can just pretend / We’ll make it home again / From everything now), touchieren unsere Lieblingsfranzosen auf ihrem gerade veröffentlichten sechsten Studioalbum „Ti Amo“ das gesellschaftspolitische Gesamtbild nicht mal am Rande. Ganz im Gegenteil. Es geht – der Titel lässt es vermuten – ausschließlich um die Liebe. Möglicherweise kann man gar nicht besser antworten auf die nervenraubende, hasserfüllte Rhetorik der Weltpolitik als mit einem Konzeptalbum, das in grellen Farben Bilder von lauen Sommerabenden an der Côte d’Azur voller Lust und Liebe malt. In dem coolen Weekend/Daft-Punk-Cocktail „Goodbye Soleil“ geht es genau darum. Um den Moment, um das Hier-und-Jetzt, um das Glück im Privaten (It’s not the pity that you got / Leave the party for the lot Or find/ out your motive / I could do this all day long / But just a minute it’s all I want).
 

 

Easy Listening aus dem Pott

Und ja, auch ich „could do this all day long“. Das gesamte Album versprüht eine beneidenswert konzise Gelassenheit. Vielleicht auch die logische Folge nach dem musikalisch etwas überdosierten „Bankrupt“ aus dem Jahre 2013. Wir bleiben verträumt, richten unseren Blick aber kurz nach Köln. Da kommen Woman her, ein Trio aus dem Dunstkreis unseres Spreewelle-Dauergasts Roosevelt. Der hat dann auch gleich mal Hand angelegt an der eh schon guten Nummer „Touch“. Weil das so gut gelingt und hoffentlich die vom letzten Sampler verschreckten Spreewelle-Hörer wieder versöhnt, gibt es oben drein das im besten Sinne runtergerechnete Womack & Womack-Cover „Teardrops“. An den Reglern: Marius Lauber höchstpersönlich.
 

 

Grünes Licht für Lordes Nachfolger

2017 ist – und das sage ich datengestützt – ein hervorragendes Musikjahr. Unzählige neue Alben etablierter Kontributoren und auch eine ganze Reihe lang erwarteter Follow-Up-Platten ehemaliger Newcomer. Zum Beispiel: Lorde. Das Wunderkind hat mittlerweile keine Probleme mit Pickeln mehr, ist jetzt 21 statt 17 und für die Veröffentlichung von „Melodrama“ sogar einen veritablen Yellow-Press-Skandal vom Zaun gebrochen, indem sie über Taylor Swift ablästerte und sich anschließend dafür entschuldigte. Immerhin: Nun wissen auch Gala-Leser, dass die Neuseeländerin neue Musik im Angebot hat. Natürlich wird jeder Zuhörer nach dem neuen „Royals“ suchen, dieser dunklen und gleichzeitig glitzernden Ballade, mit der Lorde für ewig assoziiert sein wird. Und natürlich ist das ungerecht. Die Single „Green Light“ geht wohl ganz bewusst einen anderen Weg und wird im Chromeo-Remix sogar noch eine Spur flippiger. Von der ganz großen Ästhetik ist das sicherlich ein paar Meter entfernt, aber ich finde es wohltuend, dass Lorde auch in diesem Outfit richtig gut funktioniert. Auf jeden Fall ist das die richtigere Entscheidung. Mando Diao zum Beispiel beißen sich die Zähne aus und versuchen auf ihrem unglaublich langweiligen Album „Good Times“ übrigens schon zum zweiten Mal vergeblich darin, ihren Hit „Dance With Somebody“ zu replizieren. Nach so harschen Worten: Logisch, dass Ihr diese Nummer hier nicht finden werdet. Sonderbar allerdings, dass FluxFM das anders sieht und den Song in seine Heavy Rotation gewuchtet hat.
 

 

Sommer, Sonne, Streicher: Dan Auerbach

Dan Auerbach, „best known“ dafür, Gründungsmitglied der etwas übertrieben gehypten Indie-Blues-Formation The Black Keys zu sein, hat bereits im Mai eines der besten Alben des noch jungen Jahres veröffentlicht. Auf „Waiting On A Song“ geht es extrem retro zu. Auerbachs zweites Soloalbum klingt mit seinen Oldschool-Melodien und der Handmade-Instrumentation wie aus der Zeit gefallen. Den Unterschied macht dann aber das Händchen für den Hit. Relativ schwierig, sich für einen typischen Vertreter dieser These zu entscheiden. Auf Seite 1 hat es dann aber „King Of A One Horse Town“ geschafft. Die Lean-Back-Attitüde, die Streicher, die Lyrics: All das erinnert wohlig an den ersten Sunny-Side-Up-Sampler von FM4. Hoffentlich findet Auerbach da bald mal Platz.
 

 

Vorsicht Widerhaken: Everything, Everything

Das geht alles aber bislang eine Spur zu glatt. Wenn der Anspruch ist, mit der 145. Ausgabe den Signature Sound der Spreewelle wiederzugeben, braucht es auch den einen oder anderen Störer. Hauptsache, er dauert nicht über 6 Minuten. Einen solchen bietet die Band Everything Everything. Die Band besteht laut Wikipedia aus ehemaligen Studenten der Musikwissenschaft. Obacht! Bloß keine Verschwurbeltheit in der Playilist. Läuft doch gerade so gut. Aber, keine Angst, „Can’t Do“ schafft es innerhalb weniger Sekunden trotz aller Intelligenz im Songwriting, ein einheitliches Urteil zu evozieren: Das rockt! Schon 2009 brachte der Song „My Kz Ur Bf“ eine damalige Spreewelle gehörig durcheinander. Die neue Single brettert erst mal ein 90er Keyboardriff in die Boxen und hyperventiliert sich dann sehr gradlinig in einen absolut waghalsigen, aber sitzenden Refrain.
 

 

Neu und beachtenswert: Denai Moore

Und auch die zweite Seite präsentiert sich – trotz des möglicherweise etwas zu stürmischen „Higher“ von The Naked And The Famous – so, wie sich das für eine zweite Seite gehört. Alles da, was eine gute Spreewelle ausmacht. Zum Beispiel: Dringlich empfohlene Newcomer, wie Denai Moore. Die Jamaicanerin liefert auf ihrem gerade erschienenen neuen Album „We Used To Bloom“ eine entrückt-entzückende Vision dafür, wo das mit dem Indie-R&B gerade hingehen könnte. Der Track „Does It Get Easier“ verwöhnt mit eingängigen Harmonien und verwirrt gleichzeitig mit minimalistisch-elektronischer Instrumentation.
 

 
Aber natürlich gibt es auch eingängigen Indiefolk. Zum Beispiel von Didirri aus Melbourne. „Blind You“ begeistert zurecht seit einigen Wochen die einschlägigen Blogs. Unaufgeregt, gefühlvoll, pointiert. So, wie eine moderne Folkballade klingen soll.
 

 

Listening – with tears in my eyes

Und für die Unverbesserlichen, die immer noch nicht zufrieden sind, gibt es das absolute Allheilmittel: Cover! Allerdings passiert das auf der 145. Ausgabe nicht nur aus Marketinggesichtspunkten. Das gibt’s wirlich nicht oft, dass ich einen Song (bewusst) ein zweites Mal auf die Spreewelle bringen will. Einfach, weil er mir so gut gefällt. Bei Hoziers „Take Me To Church“ ist das zum Beispiel so. Das selbstbetitelte Debut halte ich in der Retrospektive für das zweifellos beste Album des Jahres 2014. Und ja, es ist vor allem Hoziers größter Hit, der auch heute noch, nach geschätzten 200 Plays funktioniert. Um es kurz zu machen: „Take Me To Church“ treibt mir die Tränen in die Augen. Immer wieder. Und dafür sind definitiv nicht die Lyrics verantwortlich. Sondern die Melodie, das Arrangement, die Dramaturgie – der Song als Ganzes. Auch in der Interpretation von Matt Wright und Megan Davies funktioniert das noch.
 

 
Megan Davies ist eh eine Entdeckung. Im Internet firmiert die Britin unter so hochmodernen Generation-#-Nomenklaturen wie „Spotify featured artist“ oder „YouTube Influencer“. Aber viel wichtiger: Sie zeichnet verantwortlich für eine ganze Reihe hochwertiger Acoustic Mashups. Ja, musste ich mich auch erstmal aufschlauen. Ist scheinbar eine gängige Genrebezeichnung für die Kunst, mehrere Charthits akustisch zu arrangieren und miteinander zu verquicken. Das macht die Davies ganz viel auf ihrem Youtube-Kanal. Auch Louisa Wendorff aus Los Angeles geht diesem Hobby nach und leitet mit der Melange aus Coldplay und Miley Cyrus den letzten Akt der zweiten Seite ein.
 

 
So. Heute mal ausführlicher als sonst. Und trotzdem schmerzt es ein wenig, gar nicht auf Dustin Tebbutt & Lisa Mitchell, Low Island, Warhaus und Dralms eingegangen zu sein. Bleibt zuletzt noch Tocotronic zu erwähnen. „Rebel Boy“ im Ada Remix soll als Track Nummer 20 daran erinnern, dass es bei der Spreewelle bei aller Liebe zum 3:20-Pop auch immer noch so etwas wie einen Sendungsauftrag gibt.
 

 
Aber nun: Sendeschluss für Juni. Habt Spaß!
 
Covergestaltung: Spreewelle
Coverlocation: Bad Saarow
 
 

Seite 1

  • Arcade Fire Everything Now
  • Oh Wonder High On Humans
  • Phoenix Goodbye Soleil
  • Woman Touch (Roosevelt Remix)
  • Roosevelt Teardrops
  • Lorde Green Light (Chromeo Remix)
  • Pierce Fulton Borrowed Lives (feat. NVDES)
  • Everything Everything Can’t Do
  • Dan Auerbach King Of A One Horse Town
  • Illenium With You (feat. Quinn XCII)
  • Beach Baby U R
  • Airways White Noise Boys
  • Satellite Stories Heroine
  • Torches F U T U R E
  • Foster The People Coming of Age
  • Inner Tongue Underworld
  • Weird Milk This Close
  • Portugal. The Man So Young
  • Foxygen Shuggie
  • Mild High Club Homage

Seite 2

  • The Naked & Famous Higher (RAC Mix)
  • Denai Moore Does It Get Easier
  • Phoenix Role Model
  • YUAR Signal
  • Noy Owning the Night
  • Low Island That Kind of Love
  • Jonah Deep Deep Blue
  • Warhaus Loves A Stranger
  • Michael Nau I Root
  • Amber Coffman No Coffee
  • Didirri Blind You
  • Kaleo All The Pretty Girls
  • Megan Davies Take Me To Church (Hozier)
  • Dustin Tebbutt & Lisa Mitchell Innerbloom (Rufus Cover)
  • August and After Halley
  • Louisa Wendorff Magic/Adore You (Coldplay/Miley Cyrus)
  • RHODES Sleep Is a Rose
  • Emmit Fenn Woman
  • Dralms Shook
  • Tocotronic Rebel Boy (Ada Remix)