SPREEWELLE 167

HEAVENLY

VÖ: 09.01.2020
Coverlocation: Tempodrom

Die erste Spreewelle des neuen Jahrzehnts ist da. Und sie hat im Gepäck: 40 Tracks für den trüben, ultralangen Januar. 40 Tracks? Ja – war nix mit dem Change. Was ist schon ein Ying ohne Yang? Deshalb ist die zweite Seite zurück. Der Augenöffner für diese Erkenntnis: Die titelgebende Hammerballade von Cigarettes After Sex.

Teaser

Heavenly

Januar ist üblicherweise die Zeit fürs Nachhören der Jahrescharts anderer bedeutender Indiepop-Kuratoren. In diesem Jahr fiel vor allem ein Song dabei immer wieder nachdrücklich ins Ohr: Der großartige Track „Heavenly“ von Cigarettes After Sex. Die Ambient-Popper aus New York waren mir bislang ein bisschen zu schlaftablettig, um ihnen bei neuer Musik einen Startplatz auf der Seite 2 zu garantieren. Aber schon die ersten Takte der aktuellen Singleauskopplung ihres erst zweiten Albums „Cry“ haben Magie in sich. Erinnerungen an das „Twin Peaks“-Theme drängen sich auf. Und dann: Alle Zügel los, alle Muskeln gelöst. Greg Gonzalez androgyne Stimme beschleunigt den Sog der absoluten Entschleunigung und trägt uns zum orgasmischen Zeitraffer-Refrain. So ein Track hätte kein Platz auf dem „Einseiten-Konzept“, das die Spreewelle grad letzten Monat erst versucht hat, auszurufen. Deshalb ist sie jetzt erst mal wieder da, die Seite 2. Dringend notwendig auch, um sich irgendwie durch diese trübe Suppe ohne Einlage namens Januar hindurchzuschlawinern.

Zu wenig Beats per Minute? Noch müsst Ihr stark sein und Euch durch ein paar weitere erlesene Langsamkeiten hindurchlesen. Da wäre zum Beispiel Patrick Watson. Bereits dreimal säuselte der talentierte Kanadier wichtige Beiträge auf der zu Unrecht nur wenig redaktionell erläuterten Seite 2 (nämlich vor 10 Jahren auf der Spreewelle 34, vor sechs auf der Nummer 84 und vergleichsweise kürzlich auf der 156. Ausgabe). Im Oktober erschien sein achtes Album, das auf den Namen „Wave“ hört. Die Quintessenz seines Schaffens und seiner Bedeutung für die Balance der Spreewelle hört Ihr in „Dream For Dreaming“. Todtraurig und bildschön auch das dazugehörige Video.

What the Folk!

Kreativ eher geht so, diese Zwischenüberschrift. Und eher geht so finde ich ja auch dieses Genre „Folk“ an sich. Geht oft auf die Nerven und nur selten ans Herz. Zwei Gegenbeispiele zeichnen für den Mittelteil der Seite 2 verantwortlich. Zum einen Black Sea Dahu. Bei dem Sextett hat Janine Cathrein das Singen. Und ist in gewisser Weise die Gegenthese zu dem zuvor erwähnten Greg Gonzales von Cigarettes After Sex. Denn auch ihre einfühlsame Stimme lässt eine klare Geschlechterzuordnung nicht zu und – das ist das beste – es ist auch scheissegal bei einem so dermaßen intimen Vortrag, wie er bei „How You Swallowed Your Anger“ zu hören ist. Die zweite Folkhervorhebung geht an Boy & Bear. Die haben gerade eine Akustikversion von „Telescope“ veröffentlicht und damit meiner Meinung nach die Instrumentation of Choice für sich gefunden. Beides wunderbare Stücke.

Hörer kauften auch…

Ein Format, das schon ganz für sich alleine kraftvolle Argumente für die Weiterexistenz der zweiten Seite hat, ist das gute alte Cover. Auf der 167 haben wir dafür gleich ein ganzes Sitzabteil reserviert. Neue Farben aus alten Tönen werden da unter anderem gepresst von Iron & Wine, Megan Davis & Kyle Nachtigal, Colin & Caroline und Bob Moses.

War nicht auch von Disco die Rede?

Richtig. Im oben verlinkten Teaser wird großmäulig von einer Discoeinladung gesprochen. Die wird logischerweise auf Seite 1 adressiert. Dort gibt es wirklich alle Spreewelle-aprovten Formen von Tanzanlässen. Ganz vorne mit dabei: Die nimmermüden Kakkmaddafakka.  Das im Dezember veröffentlichte „Baby“ kündigt schon wieder ein neues Album an und strotzt nur so vor Liebe, Leben und Letsdance.

Direkt gefolgt von einer Art Wiedergeburt der Neuen Deutschen Welle. Die Brüder Michael und Stefan von Klan haben sehr einfache Vornamen und in ihrem Smashhit „Bei Dir“ auch eine sehr einfache Message zu überbringen. Aber darum geht’s ja beim Pop. Ein kompetenter Ohrwurm für die nächsten Stunden.

Wir bleiben beim 80s Chic, der sich gerade mal wieder inter- und nationaler Beliebtheit erfreut. Wie kann es sonst sein, dass der smoothe R&B Crooner Weeknd eine neue Single auf den Markt wird, die „Blinding Lights“ heißt und bei der man das faszinierende Schattenspiel von neongelben Leuchtreklameschilder durch Alujalousien zu sehen glaubt? Randnotiz (und vielleicht demnächst mal auf Seite 2?): Der großartige 80s-Slowdance-Remix von „I Feel It Coming“.

Ebenfalls 80s Disco – aber for real: The Twins. Das Bandprojekt ist gleich zweimal auf der aktuellen Spreewelle vertreten und ist mir bislang bewusst nie aufgefallen. Aufmerksam geworden bin ich über ein Missverständnis in Zusammenhang mit Maximo Parks Paul Smith. Der hat nämlich früher mal in einer Band namens „Me And The Twins“ gespielt. Bei der Recherche kam ich aus Versehen auf die Discographie von eben jenen The Twins, einer deutschen Synthiepop-Band, die verrückt einprägsame Songs veröffentlich hat, aber auf keiner einschlägigen 80s-Superhit-Compilation vertreten sind. Absurderweise gibt es durchaus eine erstaunliche Verwandtschaft der Stimmen von The Twins-Sänger Sven Dohrow und Paul Smith.

Die Playlist bei Spotify

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